Jörg Schieke: Die Geschichte eines Vergessenen
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| Am Vierundzwanzigsten, nach der letzten Schicht vor den zwei freien Tagen, wenn wir Fabrikarbeiter uns nach dem langgezogenen Sirenenton vor dem kleinen Personalausgang stauten und fluchten, weil der Schneeregen uns die Mäntel und Schuhe durchweichte und die Nässe von dort wieder hoch in das Rückgrat stieg; in dieser hinabgedämmerten Stunde geschah es, daß der Mann vom Werkschutz, ein Uniformierter, aus seiner Baracke herauskam und für uns, die Schlosser, Maschinisten und Vorarbeiter, das große, eigentlich nur für die Lastkraftwagen bestimmte Tor aufsperrte. Erst leise, dann zu einem lauten Gewirr kräftiger Männerstimmen sich steigernd, ging die Nachricht durch unsere Reihen. Einer nach dem anderen drehte sich um und rief seinem Hintermann zu: »Freu dich, der Mann vom Werkschutz hat das große Tor aufgemacht, heute, am Heiligabend, sind wir eine Viertelstunde früher zu Hause, unsere Frauen werden staunen!« Sofort traten wir aus der Schlange und verließen nun, zwanzig, ja dreißig Arbeiter Schulter an Schulter, durch das weit geöffnete Tor die Fabrik. Dabei schoben wir unsere Hüte ein Stück in den Nacken; wenn wir schon eine Viertelstunde früher heimkommen würden, dann wollten wir auch etwas verwegen aussehen. Die wenigen aber, die trotzdem den schmalen Personalausgang benutzten, gingen nun nicht so wie sonst, grußlos und feindselig, an dem Wachmann vorüber, sondern klopften lachend an seine Scheibe, hinter der es weihnachtlich schimmerte. Ich hatte damals, in diesen dumpf vernieselten Jahren, noch nicht begriffen, daß er, der Mann vom Werkschutz in seiner abgetragenen Uniform, der Unglücklichste von uns allen in der Fabrik war. Keiner vertraute ihm wirklich; die Eigentümer nicht, die ihn der stillen Komplicenschaft mit uns Arbeitern verdächtigten, und auch wir nicht, deren Verspätungen er doch notieren und weitermelden mußte. Im übrigen rochen seine Fingerspitzen am Abend wohl kaum nach Öl und frisch zugeschnittenem Eisen. Erst heute, da von der Fabrik nicht mehr als der Name eines ihrer Produkte, und auch der nur als der erste Teil eines in diesem Landstrich gebräuchlichen Schimpfwortes geblieben ist, habe ich verstanden, warum er uns nach der letzten Schicht vor den Weihnachtstagen immer das große Tor aufgemacht hat. Weil auch zu Hause ihn niemand erwartete; keine Frau mit vom Koch- und Backeifer gerötetem Gesicht und kein Sohn, der ihm zusammen mit einem liebevoll verpackten Geschenk ein Kärtchen mit der Aufschrift »Für den besten Papa der Welt« unter den Baum legen würde. Keine der Frauen in diesem Ort, und mochte sie noch so allein sein, würde jemals mit dem Mann vom Werkschutz eine Verbindung eingehen und sich damit auf der Straße oder im Lebensmittelgeschäft die verächtlichen, manchmal sogar anklagenden Blicke der anderen Arbeiterfrauen einhandeln. Nein, dieser Mann hatte nur einmal im Jahr, kurz nach Schichtschluß am letzten Tag vor dem Weihnachtsfest, eine Familie, nämlich uns, seine Arbeiter. Warum er uns das große Tor, diese Nuance seines Familiensinns, nicht auch an den ersten Frühlingsnachmittagen oder zur Zeit des Altweibersommers aufgesperrt hat, kann ich jetzt, im nachhinein, nur noch vermuten. Er muß wohl geahnt haben, daß wir jedes seiner scheuen Angebote auf unsere stolze und unnachgiebige Art verschmäht hätten. »Das große Tor steht ja auf, hat jemand einen Lastkraftwagen gesehen?« so hätten wir uns zugerufen und weiter geduldig in der Schlange vor dem schmalen Personalausgang gewartet. Gut, am Heiligabend sind die Menschen versöhnlich gestimmt und versuchen, sich jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Aber ansonsten, an den anderen Tagen des Jahres, da nimmt ein Arbeiter keine Almosen. Und er nimmt erst recht keine Almosen von einem, der in Uniform in der Baracke sitzt, von einem Werkschutzmann.
unveröffentlichter Text; von Jörg Schieke ist bei uns erschienen: Seemanns Gesten. Poetische Boegen XI. ISBN 3-928833-70-7 |
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