Ulrich Hölzer: E zählung

Erzählungen

 

  

 

Babbel'on

Die Leute in dem besetzten Haus gegenüber von dem Haus, wo ich wohne, in der Ludolf-Camphausen-Straße Nr. 41 (ich), Nr. 36 (sie), hingen gerade frische Spruchtücher raus, weiß-auf-schwarz:

»Solidarität mit den Bär-
liner BesätzerInnen«

hieß es da. Sie haben mich richtig verhört. Zweimal mit ä. »Guten Tag, Herr Hölzer, na, was halten Sie denn davon«, fragte Frau Babelek, die ältere Nachbarin vom zweiten Stock (ich wohne im ärsten, aber mit Blick nach hinten heraus, auf den Park), als ich gerade vom Einkaufen zurückkam (KOSTA) und sie gerade zum Einkaufen losgehen wollte, mit Einkaufswägelchen, das sie wohl wie ich gleich vermutete hinter sich her zu ziehen und nicht etwa vorsichher zu schieben gedachte, sie ergo gerade aus der Haustür getreten war, »gucken Sie mal da drüben, Herr Hölzer«. Herr Hölzer guckt mal. Ja. Ach. Neues Plakat. Von denen Besetzern ... Frau Babelek, mit irgendwie ironischem Lächeln: »Ob das wohl was bedeuten soll – Bärlin – oder ob die das vielleicht einfach nicht besser wissen ... denn darunter schreiben die ja auch Besetzer mit ä ... na, was meinen Sie, Herr Hälzer?« – »äh«, erwiderte ich, »nä, doch, Bärlin hat bestimmt was zu bedeuten, där Berliner Bär, das soll wohl ein Wortspeil sein ... « – »ja, könnte sein, aber Besätzer, hat das auch was zu bedeuten?« (Sie ahnte natürlich nicht, wie ich Korrektor bin ... ) – (Blitzartig schoß es mir durch den Kopf, sollte man das alles ... allet wegmachen, anstreichen wenigstens, den Kampf aufnehmen, den natülich völlig aussichtslosen, mit dem Kopf druch die Welt, die ganze Wält, wenigstens Käln meine Harke zeigen, wenigstens dem Viertel (Fitzel) hier wo ich wohne, wo mir nichts entgehen kann, darf, soll oder soll das immer so weiter lauern, daß sich das alles ständig verrändert, verscheibt ... vertauschte Buhctsabne, seltsame Schreibwaisen und abratige Lesarten, und alles wird immer verdrehter? ... auch ach! mien Kpf, Schrabbe locker?) Die Frau Babalek ist längst weitergegangen, da ruf' ich ihr noch nach: K u s t, rupf' ich, nur das eie Wort, mit eimen leich abschätzig-mitleidgen Tonfall, wie als wär's eine Zumutung für uns. Wir naja (Betonung auf WIR: Ich & Frau Bablek) umd: die Besätzär ... aber wir gehören numal auf die andere Straßenseite ... ehrliche Ehrenfelder (unsere Strabenseite ist eigenlich schon Ährenfeld!; obwohl postalisch noch K1; exakt die Grenze markierend). Da dreht sie sich um, die Frau Bebelak, grist und meit: »Wenn das Kunst ist felt abba die Banane dunter ...«


Aus: Ulrich Hölzer: E zählung. Erzählungen. 116 Seiten, Broschur, 24,80 DM
ISBN 3-928833-15-4


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