Rezensionen 2001
Wichtige Bücher, gelesen von unseren Mitarbeitern

     
März (#19)

März 2001

Jason Starr: Die letzte Wette.

Roman. Diogenes, 293 Seiten, gebunden, 39,90 DM.

Ich kann Bücher nicht leiden, in denen sich Trottel durch eigene Dummheit immer tiefer in die Scheiße reiten – wie in diesem: Auf den ersten 150 Seiten bekommen wir geschildert, wie der wettsüchtige Looser Joey seine Spielschulden nicht bezahlen kann, dafür von den Geldeintreibern verprügelt wird und eine letzte Frist zur Begleichung bekommt. Nebenbei geht Joeys Ehe mit Maureen langsam den Bach runter, unter anderem, weil Joey Maureen aus vorrangig monetären Erwägungen deren Kinderwunsch nicht erfüllen mag. Joey wird arbeitslos, und Maureen geht fremd.

Dramaturgischer Gegenpol zu diesem Elend sind Maureens beste Freundin Leslie mit topverdienendem Mann David und Tochter Jessica – eine upper-class-Bilderbuchfamilie. Deren Idylle wird getrübt durch Leslies Probleme mit dem Älterwerden und Davids amouröses Büroverhältnis mit der Graphikerin Amy. David möchte gern Schluß machen, aber die paranoide Amy zieht alle Register, um David von Leslie zu trennen und an sich zu binden.

Joey beschließt, zusammen mit seinem – seit einem Autounfall etwas gestörtem – Schulfreund Billy Jessica zu entführen und von Leslie und David lumpige 30.000 US$ zur Lösung seiner finanziellen Probleme zu erpressen. Die Ausführung dieser Untat kreuzt sich zeitlich mit Davids Affekt-Mord an Amy. Die folgenden Verwicklungen haben zur Folge, daß Billy bei einer versuchten Vergewaltigung von Leslies Hand stirbt, Jessica gesund und munter zurückkommt, ihre Mutter vom Seitensprung ihres Mannes erfährt, dieser verunglückt & geächtet, aber nicht für den Mord an Amy belangt wird. Joey hat genug Geld, um die drückendsten Schulden zu bezahlen, und Maureen ist von ihrem schönen und gefühlvollen Liebhaber schwanger, lebt aber weiter mit Joey zusammen. Friede, Freude, Eierkuchen mit einer Brise von moralischem Zeigefinger.

Den Plot des Buches erzähle ich hier, weil ich es Ihnen nicht ruhigen Gewissens zum Lesen empfehlen kann – da macht es nichts, die bemühte Pointe vorab zu verraten. Vor allem hätte es ein anderes (vielleicht absurderes?) Ende verdient. Zwar haben wir hier alles, was ein gutes Buch braucht, etwa zerrüttete Ehen, den (psychologischen) Arm-Reich-Konflikt, Probleme alternder Frauen (so Mitte 30), Mord & Vergewaltigung – noch jedes Klischee von den Ingredienzen einer guten Story wird bedient. Und es gelingt Starr auch, nach 150 quälenden Seiten etwas Tempo in den Text zu bringen, aber ob des Ausgangs bleibt ein schaler Geschmack. Denn die Moral der Geschichte ist:

Spielschulden durch schwere Kriminalität zu begleichen geht mal eben noch durch. Seitensprünge, die zur Zeugung eines Kindes dienen, sind auch o.k. Sexuelle Fehltritte aus Triebhaftigkeit aber – von Starr immer in der Nähe von abnormer Krankheit dargestellt – sind verwerflich und werden von der unsichtbaren Hand des Schicksals bestraft.

Wundert es Sie, daß ich solche Bücher nicht leiden kann? Kaufen Sie sich lieber zwei Kinokarten, das Geld ist wahrscheinlich besser angelegt. Da Produzenten ein Buch genau prüfen, eh sie dafür 50 Mio. (oder so) ausgeben, kommt es meist überarbeitet auf die Leinwand. Mit einem glücklichen Händchen kann man aus der »letzten Wette« – wahrscheinlich eher die Rohfassung eines Drehbuchs denn ein Roman – einen Film der Klasse von »Fargo« machen.

Stf

Starr: Letzte Wette

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Leipzig – Literarische Spaziergänge.

Insel Verlag, 222 Seiten Taschenbuch, 18,90 DM.

Leipzig war bekannterweise über Jahrhunderte eines der bedeutendsten literarischen Zentren Deutschlands. Noch heute ist der Stolz spürbar, wenn die Leipziger von ihrer Stadt der Bücher sprechen, auch wenn der einstmalige Glanz verblaßt und von der großen Anzahl der früher hier beheimateten Verlage und Buchhandlungen, Buchdruckereien und Buchbindereien nicht allzuviel geblieben ist. Der ehemalige Dreh- und Angelpunkt für Buchhandel und Buchproduktion, der auch immer wichtiger Ort für die großen Namen der Literaturgeschichte war, hat sich stark verändert – höchste Zeit also, daß nun ein handlicher Führer mit den wichtigsten literarischen Orten und Persönlichkeiten der Stadt bekannt macht.

Der Autor und Stadtführer Werner Marx führt auf zehn unterhaltsamen Spaziergängen die Leser durch die Stadt, wobei er nicht nur über das literarische Leben der Stadt plaudert, denn zu eng ist die Verbindung zwischen Literatur-, Musik-, Architektur-, Kunst- und Stadtgeschichte, als daß man sie abgegrenzt behandeln könnte. So war dieses Projekt schon aufgrund der Fülle des Materials sicher ein schwieriges Unterfangen, denn auch oder gerade abseits von Goethes Auerbachs Keller und dem Gohliser Schillerhäuschen verbergen sich viele erzählenswerte Begebenheiten. Neben den großen Namen, die mit Leipzig immer in einem Atemzug genannt werden, begegnen wir auch vielen Personen, die man nicht unbedingt mit der Stadt in Verbindung bringt. Wir erfahren Geschichte pur, so zum Beispiel, daß Ernst Jünger in der Thomaskirche getraut wurde, Franz Kafka mit dem alten Rowohlt im Café Francais zechte, Elsa Asenijeff die Muse von Max Klinger war oder daß der »Coffee Baum« von Robert Schumann bis Peter Härtling ganze Heerscharen von Künstlern und Literaten inspirierte. Jeder Stein in der Stadt kann diese oder andere Geschichten erzählen, und mit Sicherheit hilft die Lektüre des Buches dabei zu verstehen, welche Bedeutung Leipzig einmal hatte. Vollständigkeit will Werner Marx für sich nicht in Anspruch nehmen, kann er doch beim begrenzten Umfang des Taschenbuches beim besten Willen nicht alle Personen und Orte nennen und wichtige Ereignisse oft nur knapp anreißen.

Um so schmerzlicher vermißt der Leser gerade wegen der Vielfalt der behandelten Namen und Häuser ein einfaches Register, welches bei der Handhabung des Buches sicher ein großer Gewinn gewesen wäre. Eine echte Enttäuschung sind auch die nichtssagenden, schlecht plazierten Fotografien von Margit Emmerich, die man doch so schon oft genug bei eher unpersönlichen Leipzig-Bildbänden zweitklassiger Reiseführerverlage gesehen hat und die einen harten Kontrast zum anspruchsvollen Text bilden.

Trotz allem: »Leipzig – Literarische Spaziergänge« macht Lust auf eigene Entdeckungstouren und ist ein Gewinn nicht nur für Leipziger Bücherregale.

Peter Hinke

Leipzig

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Leon de Winter: Leo Kaplan.

Roman. Diogenes Verlag, 542 Seiten, gebunden, 46,90 DM.

Eigentlich könnte alles in Ordnung sein im Leben des erfolgreichen Schriftstellers Leo Kaplan, der mit seinen fast vierzig Jahren bereits auf ein beachtenswertes Werk zurückblicken kann und kurz davor ist, die große Erbschaft seines Vaters anzutreten. Und doch steht er, der Bestsellerautor und Frauenverführer, vor einem Scherbenhaufen und scheint nichts mehr in den Griff zu kriegen. Hannah, seine Frau, verläßt gerade ihn, der keinem Abenteuer aus dem Weg geht, wegen eines anderen Mannes, und auch seine Kreativität scheint abhanden gekommen zu sein. Weniger denn je weiß er, wer er eigentlich ist.

Anläßlich einer Lesereise, die ihn nach Rom führt, begegnet er zufällig seiner ersten großen Liebe wieder, die ihn, so hofft er, ins Leben zurückbringen wird.

Leon de Winter, der den Haupthelden selbstironisch seine eigenen Romane nutzen läßt, erzählt phantasievoll und anrührend die im Amsterdam der späten 60er Jahre beginnende Liebesgeschichte von Leon und Ellen und führt den Leser über eine Vielzahl von Schauplätzen in die Gegenwart – letztendlich zurück an den Ausgangsort der Geschichte.

Und, der Autor wäre nicht er selbst, würde er nicht auch neben der Haupthandlung scheinbar abschweifende Geschichten von Schicksalen und Tragödien erzählen, die jedoch letztlich alle wie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden sind. So erfahren wir von Max, dem samenspendenden Gorilla, vom Alkoholiker Jaap und seiner tragisch endenden Liebe zur hinkenden Lily oder vom Textilfabrikanten Bruno, der als Il Mostro – das Monstrum – pärchenmordend durch de Winters Universum zieht und hofft, als Erlöser die Verliebten von Schmerz und Kummer zu befreien.

Die Liebe, das Leben, das Unglücklichsein in beidem und die Suche nach den eigenen, jüdischen Wurzeln sind die zentralen Themen Leon de Winters, der sich elegant zwischen U und E zu bewegen versteht, und dessen Fähigkeit, leichtfüßig und intelligent zu schreiben, an die Bücher John Irvings erinnert.

Mit »Leo Kaplan« ist ihm wieder ein spannender, geistreicher Roman gelungen, der in Qualität und Unterhaltungswert an seine vorangegangenen Bücher anschließt.

Peter Hinke

de Winter: Leo Kaplan

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André Schiffrin: Verlage ohne Verleger.

Über die Zukunft der Bücher. Mit einem Nachwort von Klaus Wagenbach. Verlag Klaus Wagenbach, 125 Seiten, Taschenbuch, 17,80 DM.

Im Fokus dieser literarisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung steht die Zukunft der Bücher, wobei uns André Schiffrin gleichzeitig einen Jahrhundertrückblick auf die Entwicklungsgeschichte des Verlagswesens liefert.

Als Sohn eines Verlegers 1935 in Paris geboren, erfährt er schon als Kind die Auswirkungen eines entscheidenden Einflußfaktors auf die Verlagswelt der vergangenen Jahrzehnte: Der 2. Weltkrieg zwang die französische Familie, ihre Heimat zu verlassen, um sich in New York anderen Emigranten anzuschließen und den Aufbau eines neuen, unabhängigen Verlages zu wagen. Nach dem Tod seines Vaters trat auch Schiffrin für ihn völlig unerwartet in die Welt der Bücher und Verleger ein. Während seiner Laufbahn als Leiter des Pantheon Verlages (heute The New Press) mußte er den Verfall des Kulturgutes Buch zum Wirtschaftsgut der überwiegend kommerziell ausgerichteten Verlagsbranche miterleben. Mittlerweile stellt fast niemand mehr ernsthaft die Frage, welche Titel zum traditionellen Charakter eines Verlages passen, sondern primär, welche Bücher das meiste Geld einbringen. Das Streben nach einem »Megaseller« beherrscht die heutige Verlagspolitik. Für kleine bis mittlere Verlage ist es zunehmend schwieriger, ihre wirtschaftliche Selbständigkeit gegenüber Verlagsriesen zu behaupten. Ebenso haben neue Autoren sowie spezielle Sachthemen nur schwerlich eine Chance, sich auf dem heutigen Buchmarkt zu etablieren. Die Vermarktung eines Manuskriptes ist heute weniger der Treuepakt zwischen Autor und Verleger als vielmehr eine Versteigerung an den Meistbietenden. Jährlich steigende Auflage- und Renditevorgaben, utopische Managergehälter und Vorschußsummen, die sich fern jeder realistischen Kalkulation bewegen, sind zum Alltag geworden.

André Schiffrin gibt dem Leser einen eindrucksvollen Einblick in die Welt der Bücher, Verleger und Autoren und deren Wandel. Seine Polemik ist kein Fachbuch aus theoretischen Abhandlungen und keine bloße Aneinanderreihung von Fakten. Hier verbindet sich Lebens- und Berufserfahrung mit sorgfältig Recherchiertem, komplett durchzogen von einem beeindruckenden autobiographischen roten Faden. »Verlage ohne Verleger« ist ein wichtiges Buch – nicht nur für Brancheninsider, sondern auch für alle Bücherfreunde, die an der Wahrung der Literatur interessiert sind. Erschienen ist es übrigens in einem der letzten bedeutenden unabhängigen Verlagshäuser Deutschlands, dem (hoffentlich unsinkbaren) Verlag von Klaus Wagenbach.

Jana Richter
(Praktikantin in der CVB im Februar 2001)

Schiffrin: Verlag

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Magnus Mills: Die Herren der Zäune.

Roman. Suhrkamp, 216 Seiten, gebunden, 36,– DM.

Dem Buch geht ein Ruf voraus: Thomas Pynchon, im besten Sinne ein amerikanischer »Großschriftsteller« und in der Vergangenheit weder durch häufiges noch durch übertriebenes Kollegenlob aufgefallen, hat »Die Herren der Zäune« ein »Wunder an Komik« genannt! Um es gleich zu sagen: Vielleicht ist das Buch kein Wunder, aber komisch ist es ganz bestimmt, jedenfalls für Leser, die »komisch« nicht mit »Witzigkeit« verwechseln.

Magnus Mills, schreibender Briefträger aus London, erzählt in seinem Roman die Geschichte dreier Zaunbauer, zweier Schotten und eines als Vorarbeiter und Ich-Erzähler fungierenden Engländers. Ebenso regelmäßig wie unbeabsichtigt kommt bei ihrer Arbeit jemand zu Tode und wird – wie es beim Beruf der »Helden« naheliegt – unter einem Zaunpfahl begraben. Folgen scheint das zunächst kaum zu haben: War der Tote ihr Auftraggeber, so wird er seinen fertigen Zaun eben nicht bezahlen, und war es einer ihrer Chefs, dann wird die Rechnung des schlampigen Handwerkers, der den Hammer so locker am Stiel befestigt hat, daß dieser zum tödlichen Flugobjekt wird, nicht beglichen werden. Mehr als an den Todesfällen sind die drei jedenfalls daran interessiert, am Abend in irgendeinem Pub anzukommen, bevor die letzte Runde bestellt wird.

Von ihrem Chef, der von einer obsessiven Begeisterung für schnurgerade Zäune beherrscht wird, werden die drei mit einem alten, verwahrlosten Wohnwagen in eine ziemlich triste Gegend Englands geschickt, um dort bei Wind und Wetter einen Hügel zu umzäunen. Im einzigen Pub des Ortes, den sie jeden Abend aufsuchen, machen sie die Bekanntschaft der Hall-Brüder. Diese haben bislang in dieser Gegend die Zäune gebaut, beauftragen aber nun die »Auswärtigen« mit dem Bau eines Zaunes, weil sie selbst dem Vernehmen nach ganz in Anspruch genommen sind vom »Schulspeisungs-Geschäft«, das dann allerdings doch scheitert – ohne daß der Leser je erfahren wird, worum genau es dabei eigentlich ging. Es kommt zu Verwicklungen, einer überstürzten Abreise und später zu einem regulären Auftrag der Hall-Brüder: Nun sollen die drei um das Gelände der Hallschen Fleisch- und Wurstfabrik einen Elektrozaun bauen, dessen Probebetrieb bereits das Leben des Hundes ihres Chefs schlagartig beendet hat. Das Buch endet, als die Zaunbauer das Gelände der Fabrik nicht mehr für ihren abendlichen Pub-Besuch verlassen dürfen und überraschend mit der Tatsache konfrontiert werden, daß doch mehr Leute von den Leichen unter den Zäunen wissen als anzunehmen war.

Der Roman hat den Charakter einer sehr guten, überlangen Kurzgeschichte: Über die Vorgeschichte der Personen wird kaum etwas gesagt, es gibt keine Rückblenden und kaum Ausblicke auf anderes als das, was der Vorarbeiter aus dem Alltag von drei Zaunbauern zu berichten weiß. Auch die Sicht auf das Innenleben der drei bleibt reduziert auf die beschränkte Perspektive des Ich-Erzählers, wobei diesem für Erklärungen und das Herstellen von Zusammenhängen sowohl Interesse als auch analytisches Vermögen fehlen. Vielmehr gibt er dort, wo der Leser sich fragt, was die Ereignisse denn nun eigentlich zu bedeuten haben könnten, vorzugsweise die sehr schlichten Äußerungen seiner beiden Kollegen wider, die sich ohnehin alles Negative, was auf dieser Reise passiert, mit der Tatsache erklären, daß sie nun nicht mehr zu Hause in Schottland, sondern in der englischen Fremde sind.

Mills entfaltet das Geschehen mit einer enormen Lust an lakonischer Darstellung: Es würde wenig helfen, die Handlung hier im Detail nachzuerzählen – man muß das selbst lesen. Das Vergnügen, das man dabei hat, speist sich nicht so sehr aus der Handlung (obwohl man am Ende sehr genau weiß, wie ein Zaun gebaut wird und somit über Informationen verfügt, die man nie zuvor vermißt hat), sondern auch aus der Art, wie hier erzählt wird. So nimmt die Beschreibung eines einzigen alltäglichen Morgens im Wohnwagen mit all den merkwürdigen Ritualen der drei Männer mehr Raum ein als die Schilderung aller Todesfälle zusammen. Auf scheinbar mühelose Weise gelingt es Mills, das Skurrile im Alltäglichen darzustellen, indem er sich beim Schreiben ganz den begrenzten Horizont seiner Personen und deren Devise zu eigen macht: Bloß nicht zu viele Dinge problematisieren.

Man liest den Roman wahrscheinlich am besten an einem regnerischen Tag, genießt die Tatsache, nicht wie ein Zaunbauer bei jedem Wetter ins Freie zu müssen, und freut sich darüber, daß Magnus Mills im richtigen Leben selbst einmal Zaunbauer war und später nach dem Briefeaustragen Zeit gefunden hat für seinen ersten Roman. Alles in allem: Diejenigen, die skurrile Typen und lakonisch erzählte Geschichten mögen, sollten sich Mills Roman nicht entgehen lassen. Die anderen können ihn ja deshalb lesen, weil »Die Herren der Zäune« um ein Haar den englischen Booker-Preis gewonnen hätte …

jk

Mills: Zäune

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Adolf Muschg: Sutters Glück.

Roman. Suhrkamp, 335 Seiten, gebunden, 39,80 DM.

»Zu träumen, die Ehefrau sei gestorben, hat für jedermann günstige Folgen.«, sagen die Volkstraumbücher des byzantinischen Mittelalters. Emil Gygax – von allen nur Sutter genannt – würde dem nicht zustimmen bzw. sich wünschen, er hätte wirklich alles nur geträumt.

Sutter ist ein Mann in den Sechzigern, ehemaliger Gerichtsreporter eines »Blattes«, wohnhaft in einer Einfamilienhaussiedlung irgendwo in der Schweiz und verwitwet. Seine Frau Ruth kam dem sicheren, aber qualvollen Tod durch Krebs zuvor, indem sie sich in Sils – ihrem jährlichen Urlaubsort – ertränkte.

Nun ist Sutter mit der Katze seiner Frau und seinen Erinnerungen allein … und ist es auch wieder nicht, denn eine Zeitlang erhält er jeden Abend um 23.17 Uhr einen anonymen Anruf. Doch statt Furcht oder Unsicherheit zu empfinden, hilft dieses einseitige Telefonat Sutter, seine Tage neu zu strukturieren. Bis er eines Tages auf einem Spaziergang angeschossen wird.

Nachdem er seinen Lungendurchschuß auskuriert hat, macht sich Sutter auf die Suche nach dem Schützen und dem Sinn der Tat. Bei den Recherchen bleibt er immer wieder an einem Fall, über den er vor 7 Jahren berichtet hatte, und bei sich selbst hängen. Erstmals in Sutters Leben geht es um Selbsterkenntnis; bis dahin wurde sie ihm verwehrt, da die Wahrnehmung anderer in seiner Phantasie die Hauptrolle in seiner Arbeit und in seinem Leben spielte. Innerhalb eines Jahres muß Sutter erfahren, daß seine Hirngespinste das reale Leben anderer Menschen, aber auch sein eigenes weit mehr beeinflußt haben, als er sich jemals hätte vorstellen können. Plötzlich sehen sich seine Vorstellung einer Realität und die Realität selbst zum Verwechseln ähnlich. Nur: was er vor 7 Jahren angestoßen hat, ist inzwischen zum Selbstläufer geworden.

Was ist wirklich, vor allem, was in Sutters Leben war und ist echt? Das Ende des Buches und somit auch das Ende Sutters könnte bedeuten, daß er – zu seinem Glück – dahinter gekommen ist. Muß es aber nicht!

Irina Kramp

Muschg: Sutters Glück

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Andrej Kurkow: Picknick auf dem Eis.

Roman. Diogenes, 288 S., Taschenbuch, 16,90 DM.

Viktors Leben im Kiew der 90er Jahre ist unspektakulär. Er wohnt in einem Plattenbau, fabriziert auf seiner Schreibmaschine Erzählungen und kommt finanziell irgendwie über die Runden. Das einzig Außergewöhnliche, das er in der letzten Zeit getan hat, war die Reaktion auf ein Zeitungsinserat: Nun teilt er seine Wohnung mit einem Pinguin namens Mischa, denn dem städtischen Zoo sind die Mittel für das Futter der Tiere ausgegangen.

Als Viktor eines Tages versucht, eine seiner Erzählungen bei einer Zeitung unterzubringen, wird ihm ein Job angeboten. Künftig soll er Nekrologe – sogenannte Kreuzchen – über Personen der Kiewer High Society unter dem Pseudonym »Der engste Freundeskreis« verfassen. Anfangs darf er sich sein »Arbeitsmaterial« selber durch Zeitungslektüre aussuchen, aber bald erhält er durch Kuriere Dossiers über zu bedenkende Personen, in denen alles Wesentliche rot markiert ist. Die Besonderheit seiner Tätigkeit besteht allerdings darin, daß die Auserwählten noch gar nicht gestorben sind.

Die Arbeit geht Viktor leicht von der Hand, und in seinem Hang zum Philosophieren wird er von der Chefredaktion nicht beschnitten. Das Einzige, was ihn zu stören beginnt, ist, daß seine Nekrologe genau wie seine Erzählungen Arbeiten für die Schublade sind. Aber das soll sich bald ändern … zumindest was seine Nachrufe betrifft. Und damit geht der Spaß im Kiew der Neureichen und Korrupten erst richtig los.

Gelingt es Viktor zuerst, alle brenzligen Situationen mit dem Glück des Ahnungslosen zu umschiffen, verändert sich sein Leben mit der Zeit so stark und wird so absurd, daß er nicht mehr in der Lage ist, seine Augen fest genug zu verschließen, um die Zusammenhänge nicht zu begreifen. Was letztlich dazu führt, daß Mischa-Pinguin ihm das Leben retten wird!

Irina Kramp

Kurkow: Picknick

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Frank Goosen: Liegen lernen.

Roman. Eichborn, 298 Seiten, gebunden, 39,80 DM.

Da liegt ein Mann betrunken in einer Pfütze vor einer Berliner Kneipe und bezeichnet sich selbst als verantwortungsloses, bindungsunfähiges, triebhaftes Arschloch und denkt darüber nach, einfach liegenzubleiben. Wie es zu diesem absoluten Tiefpunkt im Leben von Helmuth kam, weiß dieser amüsante Erstling des Kabarettisten Frank Goosen. Er erzählt die Entwicklung unseres Helden quer durch die achtziger und neunziger Jahre mit hintersinnigem Humor und viel Musik.

Das Leben ist wie kurz vor der Supermarktkasse: Man muß sich schnell noch für eine der tausend dort bereitliegenden Süßigkeiten entscheiden. Doch damit hat Helmuth so seine Probleme. »Was willst Du eigentlich, Junge«, wird seine Mutter ihn ein Leben lang fragen, und er wird ebensolang eine Antwort schuldig bleiben. Als Britta, eine neue Schülerin, am Gymnasium auftaucht, weiß er, was er will, ohne zu ahnen, daß diese kurze erste Liebe und die lange Enttäuschung der Trennung ihn sein ganzes Leben begleiten werden.

Fortan kreisen seine Gedanken trotz der anderen Frauen, die er in seinem Leben trifft, ständig um Britta, seine erste große Liebe.

Das ganze erzählt Goosen in einer verblüffend leichten Sprache und doch mit Genauigkeit, so daß es ein Vergnügen ist, dieses Buch zu lesen. Angereichert mit den politischen Hintergründen, der Mode und der Kultur der jeweiligen Zeit hat der Roman einen großen Wiedererkennungseffekt: Ach so, so war das ja damals.

Nicht zu vergessen sind die unzähligen Hinweise auf die wichtigen Schallplatten jener Zeit, die mich veranlaßten, mal wieder im Plattenschrank danach zu stöbern, was denn alles noch vorhanden ist.

ron

Goosen: Liegen lernen

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