Rezensionen 2000
Wichtige Bücher, gelesen von unseren Mitarbeitern

       
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Dezember 2000

Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen.

Die Erinnerungen 1913–1933. DVA, 240 Seiten, gebunden, 39,80 DM.

»Die Geschichte, die hier erzählt werden soll, hat zum Gegenstand eine Art von Duell. Es ist ein Duell zwischen zwei sehr ungleichen Gegnern: einem überaus mächtigen, starken und rücksichtslosen Staat, und einem kleinen, anonymen unbekannten Privatmann. Dies Duell spielt sich nicht auf dem Felde ab, das man gemeinhin als das Feld der Politik betrachtet; der Privatmann ist keineswegs ein Politiker, noch weniger ein Verschwörer, ein ›Staatsfeind‹. Er befindet sich die ganze Zeit über durchaus in der Defensive. Er will nichts weiter als das bewahren, was er, schlecht und recht, als seine eigene Persönlichkeit, sein eigenes Leben und seine private Ehre betrachtet. Dies alles wird von dem Staat, in dem er lebt und mit dem er es zu tun hat, ständig angegriffen, mit äußerst brutalen, wenn auch etwas plumpen Mitteln.«

Mit diesen Worten beginnen Sebastian Haffners Aufzeichnungen, die nun aus dem Nachlaß des im vergangenen Jahr gestorbenen Publizisten veröffentlicht worden sind. Ein faszinierendes, ein sehr persönliches Dokument sind diese Erinnerungen an die Jahre 1914 bis 1933. Mit dem ihm eigenen Scharfsinn und der eingängigen Sprache erzählt Haffner, der sich selbst einen »bürgerlichen Geschichtsdenker« nannte, die Ereignisse hinter den historischen Daten und versucht, ihr Wesen und das Wesen der Menschen, die sie tragen, zu ergründen. »Wie konnte es so weit kommen?« fragt sich der Autor und fragen wir uns. Obwohl schon 1939 im englischen Exil geschrieben, ist dieses Buch nicht nur ein Zeugnis der Vergangenheit, sondern hat auch für die heutige Zeit nichts an Relevanz eingebüßt. Und so ist man kaum überrascht, wenn man entdeckt, daß Haffner sich bereits in den dreißiger Jahren Gedanken über die »deutsche Leitkultur« gemacht hat: »Deutschland blieb nicht Deutschland. Die deutschen Nationalisten selbst haben es zerstört Das Deutschland, das für mich und meinesgleichen ›unser Land‹ war, war schließlich nicht einfach ein Fleck auf der Landkarte Europas. Es war ein Gebilde von bestimmten, charakteristischen Zügen: Humanität gehörte dazu, Offenheit nach allen Seiten, grüblerische Gründlichkeit des Denkens, ein Niezufriedensein mit der Welt und mit sich selbst, Mut, immer wieder zu versuchen und zu verwerfen, Selbstkritik, Wahrheitsliebe, Objektivität, Ungenügsamkeit, Unbedingtheit, Vielgestaltigkeit, eine gewisse Schwerfälligkeit, aber auch eine Lust zur freiesten Improvisation, Langsamkeit und Ernst, aber ebenso ein spielerischer Reichtum des Produzierens, der immer neue Formen aus sich herauswarf und als ungültige Versuchen wieder zurückzog, Respekt für alles Eigenwillige und eigenartige, Gutmütigkeit, Großzügigkeit, Sentimentalität, Musikalität, und vor allem eine große Freiheit: etwas Schweifendes, Unbegrenztes, Maßloses, nie sich Festlegendes, nie Resignierendes. Heimlich waren wir stolz darauf, daß unser Land, geistig, ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten sei …

Freilich darf man es sich nicht so vorstellen, als hätte Deutschland und seine Kultur 1932 blühend und prächtig dagestanden, und die Nazis hätten es mit einem Schlage über den Haufen geworfen. Die Geschichte der Selbstzerstörung Deutschlands durch seinen krankhaften Nationalismus reicht weiter zurück, und es wäre die Mühe wert, sie zu schreiben Man fand es noch, in Tausenden von Häusern, Familien, Privatzirkeln, in manchen Redaktionsstuben, Theatern, Konzerthäusern, Verlagen, an verstreuten Stellen des öffentlichen Lebens von Kirchen bis zu Kabaretts. Die Nazis erst, als die radikalen und guten Organisatoren, die sie sind, haben es überall aufgestöbert und ausgeräuchert. Nicht erst Österreich und die Tschechoslowakei: Deutschland war ihr erstes besetztes Gebiet. Daß sie es unter der Parole ›Deutschland‹ besetzten und zertrampelten, war nur einer ihrer nachgerade bekannten Tricks und freilich zugleich ein Teil des Zerstörungswerks selbst.

Dem Deutschen, der sich diesem Deutschland verbunden fühlte – und nicht jedem Gebilde, das sich auf einem bestimmten geographischen Raum jeweils gerade breitmachen würde – blieb wiederum nichts als Abschied.«

Dana Novotny

Titel Haffner

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Michael Kumpfmüller: Hampels Fluchten.

Roman. Kiepenheuer & Witsch, 494 Seiten, gebunden, 39,90 DM.

Heinrich Hampel heißt der Protagonist dieses Romanerstlings von Michael Kumpfmüller, und der Name ist Programm. Geboren wird er in den dreißiger Jahren in Jena, verbringt seine Jugend in der Sowjetunion und flieht Anfang der fünfziger Jahren mit seiner Familie in die Bundesrepublik. Wohnen und arbeiten kann dieser Lebenskünstler überall, solange es hinreißende Frauen und ihre für ihn gemachten Betten gibt. Nichts liegt da näher, als sein Hobby zum Beruf zu machen: in der Bundesrepublik eröffnet er seinen eigenen Bettenhandel mit persönlichem Matratzentest und Fürsorge an der Kundin. Doch der Boden wird Heinrich allmählich zu heiß, denn nicht alle seine Gläubiger sind allein mit privatem Engagement zufrieden zu stellen. Anfang der sechziger Jahre, kurz nach dem Mauerbau, heißt sein Fluchtpunkt DDR. Auch dort gibt es interessante Frauen, die z. B. Genossin Gisela heißen, nach bulgarischem Parfüm riechen, sich aber lieber vom sowjetischen Soldaten Wladimir das Bett wärmen lassen. Auch beruflich ist eine Umorientierung von Nöten: über Brot ausfahren, einer Tätigkeit im Volksbuchhandel, Schwarzmarktgeschäften und Berichten für den Genossen Harms von der Staatssicherheit geht es letztlich ins Gefängnis nach Bautzen und Leipzig. Zu diesem Zeitpunkt hat sich seine Frau Rosa, die ihm mitsamt den Kindern ungebeten in die DDR gefolgt ist und die ungerührtesten Jammer- und Bettelbriefe an die Verwandten im Westen schreiben kann, schon lange von ihm scheiden lassen.

Und was nun lieber, lieber Heinrich? Ein Neuanfang, die wiederholte Suche nach dem Glück in den Betten und im Leben?

»Man müßte noch einmal von vorne anfangen können, sagte sie.
Ja, fangen wir noch einmal von vorne an.
Am besten gleich morgen, sagte sie.
Ja, morgen wäre ihm eigentlich ganz recht.«

Irina Kramp

Titel Kumpfmüller

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Dorit Rabinyan: Unsere Hochzeiten.

Roman. W. Krüger, 320 Seiten, gebunden, 39,80 DM.

Unter dem harmonischen Titel »Unsere Hochzeiten«, den in hohen Tönen gelobten zweiten Bestsellerroman von Dorit Rabinyan, verbirgt sich vielmehr, als sich vielleicht zunächst vermuten läßt. Daß es um Hochzeiten geht, ist wahrlich nicht abzustreiten, doch sind sie mehr ein Bruchstück alles Geschehenen, das die Familiengeschichte der Asisyans ausmacht.

Die Autorin zeigt uns zwei Seiten der Familie von Irani und Soli Asisyan auf. Zum einen wäre da die Zeit, in der das Glück scheinbar gar nicht mehr von ihrer Seite weichen will. Das Kennenlernen der beiden sowie ihre Hochzeit packt Dorit Rabinyan in Harmonie und viele süße Worte. Fünf Kinder machen schließlich die Vollständigkeit ihrer Liebe aus.

Ihre drei Töchter Sophia, Marcelle und Lisi versprühen im gesamten Haus Schönheit, Freude und Lebenslust. Iranis Mutterherz schlägt höher, wenn sie an all die bevorstehenden Hochzeiten denkt. Sie erzählt von ihrer eigenen und malt ihnen ihre Hochzeiten in den schönsten Farben aus. Doch mit dem Heranwachsen ihrer Kinder bahnen sich Probleme und scheinbar unlösliche Konflikte an. Die Lebenslinie der Asisyans bekommt einen Ruck und verläuft auf einmal gar nicht mehr in so geregelten Bahnen. Maurice, der älteste und einzige Sohn, hat ein schwaches Herz und ist schon früh stark an die Mutter gebunden. Zwischen beiden entsteht eine tiefe Zuneigung und Verbundenheit, die von ihren Töchtern nie ganz erreicht wird. Sein Problem mit Frauen macht ihm zu schaffen, denn seine große Liebe existiert für ihn nur im Traum.

Sophia, die Zweitgeborene, fühlt sich durch die übertriebene Mutterliebe zu Maurice vernachlässigt. Sie kann keine echten Gefühle zeigen, selbst ihr Mann ist davon nicht ausgenommen. Mit der Geburt ihres kranken Sohnes scheint ihr die letzte Lebensfreude genommen zu sein.

Marcelle, die ihrem Vater am nächsten steht, ist sechs Jahre lang in den Nachbarsjungen verliebt, der sie gar nicht wahrnimmt. Als es dann doch zur Heirat kommt, zerplatzt sehr schnell ihre Seifenblase vom perfekten Traummann.

Die frühreife Lisi liebt es, ihren Körper zur Schau zu stellen. Sie benutzt ihre Liebhaber egoistisch und wehrt ihre Zuneigungen permanent ab. Nach einer »eingebildeten« Schwangerschaft und der Heirat wird sie mit der Gefühlskälte ihres Mannes konfrontiert. Seine Schläge betäubt sie mit Alkohol und langen Nächten.

Matti ist die Jüngste der Asisyans, ihr Zwillingsbruder Muni starb bei der Geburt. Durch seinen Verlust fühlt sie sich einsam und kommuniziert deshalb in einer Traumwelt mit ihm. Als es fast zur Katastrophe kommt, wird sie in ein Internat gesteckt.

Das versprochene Glück bleibt bei ihren Kindern aus. Für Irani, deren Lebensaufgabe Muttersein ist, ist das eine schwere Last. All die Sorgen ihrer Kinder macht sie zu ihren eigenen. Aus der starken und schönen Irani wird in kurzer Zeit eine alternde, verbitterte Frau. Neben ihrem Schwermut vernachlässigt sie Soli, der sich nach ihr sehnt und sich von ihr entfremdet fühlt.

Dorit Rabinyan glänzt in diesem Buch in erster Linie durch ihre sprachlichen Bilder, die in manchen Situationen eine schon fast erschlagende Dramatik schaffen. Oft erscheinen die Vorstellungen bzw. Träume der Protagonisten fast realistisch, was die Schwebe zwischen Wahrheit und Fantasie partiell schwer deutlich werden läßt. Die Schilderung der verschiedenen Charaktere gelingt ihr mühelos ungezwungen. Das vielleicht Fesselndste dieses Romans ist der ständige Wechsel von glücklicher Erinnerung zu trauriger Gegenwart. So gehen Freude und Traurigkeit reibungslos ineinander über und machen neugierig auf die nächsten Seiten.

Schließlich bleibt wohl nur noch zu sagen, daß es sich um eine unterhaltsame Lektüre mit hohem Anteil an Leserfreundlichkeit handelt.

Judith Hafner

Dorit Rabinyan

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Matthew Kneale: Englische Passagiere.

Deutsche Verlags-Anstalt, 543 Seiten, gebunden, 49,80 DM.

Cognac und Tabak, natürlich illegal bei Nacht und Nebel von Frankreich nach England gebracht, sollen Geld in die leere Kasse von Captain Quillion bringen. Ein leichtes Spiel, denken er und seine Mannen von der Isle of Man, als sie im Juni 1857 in See stechen. Dem englischen Zoll bleibt die heiße Ware in der doppelwandigen »Sincerity« zwar verborgen, jedoch drohen Londoner Hafengebühren und Strafzahlungen die Reise früh zu beenden. Da bleibt nichts anderes übrig, als die Expedition dreier verrückter Engländer an Bord zu nehmen, die auf der anderen Seite der Erdkugel, in Tasmanien, den Garten Eden entdecken wollen. Die Manxmen – wie sich die Seeleute von der Isle of Man selbst nennen – müssen die Hoffnung aufgeben, ihre lästige Reisegesellschaft bald loszuwerden. Nach vielen unvorhergesehenen Ereignissen erreichen die sympathischen Möchtegernschmuggler nach monatelanger Fahrt Australien und Tasmanien, wo die Reise jedoch immer noch nicht zu Ende ist und die eigentlichen Schwierigkeiten erst beginnen.

Matthew Kneale hat in diesem Buch äußerst geschickt sorgfältig recherchierte Details der Historie mit einer leidenschaftlichen, spannenden und nicht zuletzt mit einer Prise trockenen Humors erzählten Handlung verknüpft. Entstanden ist so ein Seefahrer- und Schelmenroman voller Abenteuer und Wendungen, der gleichzeitig die Geschichte der Besiedlung Tasmaniens erzählt, wo die Ureinwohner den englischen Strafkolonien und Siedlern weichen mußten und zu Tausenden grausam hingemetzelt wurden. Matthew Kneale ist ein großes Buch gelungen, welches in diesem Jahr für den renommierten Booker-Prize nominiert wurde.

Peter Hinke

Titel Kneale

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James Salter: Verbrannte Tage.

Erinnerung. Berlin Verlag, 503 Seiten, gebunden, 48,– DM.

James Salter, 1925 in New Jersey geboren, gilt heute als einer der Klassiker der modernen amerikanischen Literatur. Fast kurios scheint es, daß sein Werk hierzulande bis vor kurzem nahezu unbekannt war. Dank des Berlin Verlages, der vor zwei Jahren den bereits 1975 im Original erschienenen Roman »Lichtjahre« ins Deutsche übersetzte, entdeckte ihn jedoch nun auch hier ein breites Publikum. Nach »Lichtjahre« verlegte der Berlin Verlag »Ein Spiel und ein Zeitvertreib«, »In der Wand« und die Erzählungssammlung »Dämme rung«. Nun erschien außerdem »Verbrannte Tage«, die Autobiographie James Salters. Salter erzählt hier im Stile seiner Romane von seinem ungewöhnlichen Leben, welches ihn nach seiner Ausbildung zum Kampfpiloten in der Militärakademie West Point nach Korea und später nach Europa führte. Das Fliegen bestimmt in dieser Zeit sein Leben, und seit St. Exuperys »Nachtflug« hat wohl kein anderer Autor so über diese Leidenschaft geschrieben. Paris und Rom sind prägende Städte, die er zunächst als Soldat kennenlernt, die er in seiner knappen, poetischen Sprache beschreibt und in die er nach dem Krieg immer wieder zurückkehrt. Und die Welt des James Salter wäre nichts ohne die Frauen, die in seinem Leben eine große Rolle spielen, und deren Bedeutung in seinem zweiten Leben nur noch durch das Schreiben erreicht wird. Er schreibt in den 50er Jahren Romane, die von der Kritik gelobt werden, sich aber zunächst nicht verkaufen. Erfolgreicher ist da seine Arbeit für die Filmfabrik Hollywood, für die er Drehbücher schreibt, und wo er mit Größen wie Robert Redford und Roman Polanski zusammenarbeitet. Salter schreibt gern über die anderen Berühmtheiten, deren Nähe er sucht und findet, wobei es jedoch nicht der unvermeidliche Klatsch ist, der »Verbrannte Tage« so lesenswert macht, sondern die ruhige, elegante Art seines Stils, der eine Atmosphäre schafft, die man nach der Lektüre schmerzlich vermißt. Helfen kann da vielleicht nur ein neues Buch des Meisters.

Peter Hinke

Titel Salter

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Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): Großer Ozean.

Gedichte für alle. Beltz & Gelberg/Weinheim, 267 Seiten, gebunden, 36,–  DM.

Was ist eigentlich ein Gedicht? Ein Gedicht muß sich nicht reimen. Ein gutes Gedicht ist witzig oder traurig, es kann auch gruselig sein. Ein gutes Gedicht kann bewirken, daß man selbst fröhlich oder traurig wird. Gedichte kann es über Tiere geben oder übers Nachdenken, aber auch über Geheimnisse oder die Natur. »Großer Ozean« heißt ein jetzt erschienenes Buch, in dem Hans-Joachim Gelberg die Gedichte, die ihm gefallen haben, gesammelt hat. Texte von 167 Autorinnen und Autoren, Bilder von über 40 Künstlern enthält das Buch, wobei neben den Gedichten auch Texte über die Verse enthalten sind. Es sind Gedichte für alle, also nicht nur für Kinder, darunter einige der schönsten, die ich kenne. Ich würde mir wünschen, daß auch die Lehrer in den Schulen – bevor sie uns Kindern Gedichte zum Auswendiglernen aufgeben – in dieses Buch schauen.

Hannah Josephine, 8 Jahre

Großer Ozean

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September/Oktober 2000

Christoph Hein: Willenbrock

Suhrkamp, 319 Seiten, gebunden, 39,80 DM.

»Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.« Dabei sieht auf den ersten Blick alles so gut für Bernd Willenbrock aus. Der ehemalige Ingenieur eines DDR-Betriebes und Mann in den besten Jahren scheint die Wende gut verkraftet und sich den Gegebenheiten im Berlin der späten 90er Jahre angepaßt zu haben. Seine Brötchen verdient er mit einem florierenden Gebrauchtwagenhandel, der seine besten Kunden nicht mehr aus den Reihen seiner Landsleute, sondern zum Großteil aus dem Osten Europas rekrutiert. Auch wenn das Finanzamt den Unternehmer kräftig zur Kasse bittet, bleibt noch genügend Kleingeld übrig, um seiner Frau eine Boutique einzurichten, ein Landhaus in Bugewitz samt dessen Rekonstruktion zu unterhalten, einen neuen Verkaufsraum für seinen Autohandel zu bauen und die gelegentlichen Hotelzimmertreffs mit seinen Geliebten inklusive der obligatorischen Flasche Champagner zu finanzieren.

Dieser Mann hat es geschafft und dabei immer einen flotten Allgemeinplatz auf den Lippen! Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die neue Realität Willenbrock auf ihre Weise einholt… Sechs Gebrauchtwagen werden ihm gestohlen, bei einem Einbruch in sein Landhaus wird er verletzt, und in letzter Sekunde kann er den Diebstahl seines eigenen Autos vor seiner Berliner Wohnung verhindern. »Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen […], im Guten wie im Bösen.«

Was also tun, wenn die Versicherungspolice zu teuer wird, wenn der privat angeheuerte Wachmann eines Morgens gefesselt und geknebelt auf seinem Stuhl sitzt, wenn die Polizei nach allen Seiten ermittelt und somit auch Versicherungsbetrug nicht ausschließt, wenn Tatverdächtige zwar verhaftet, aber mangels Beweisen wieder auf freien Fuß gesetzt werden – und wenn man sich plötzlich im Stich gelassen, allein und hilflos vorkommt? Christoph Hein gibt Willenbrock ein gutes Jahr Zeit, um sich Dämme und Schutzwälle gegen die unterschwellige und langsam, aber unaufhörlich hereinflutende Angst und Unsicherheit zu errichten. Dabei geht es natürlich nicht darum, ob Willenbrock seine diffusen Ängste in den Griff bekommt, sondern wie er versucht, sie abzuwehren und nicht zur Allmacht seines Lebens werden zu lassen. Dabei dürfte nicht zuviel verraten sein, wenn man feststellt, daß dies ihm nur schlecht gelingt. Aber das Leben geht weiter – zumindest dessen äußerer Schein.

Man hat nicht nur den Eindruck, die dramatische Wende im Leben eines eben noch zufriedenen Mannes mitzuerleben, sondern davon auch in Form eines dramatischen Werkes erzählt zu bekommen. Alles steuert auf die finale Katastrophe zu, immer wieder kurz von Atempausen der Normalität in Vergangenheit und Gegenwart unterbrochen, die das nächste Unheil aber schon zu bergen oder anzukündigen scheinen. Und zu guter Letzt kann man sich nicht mal sicher sein, was eigentlich genau die Katastrophe gewesen ist…

Irina Kramp

Christoph Hein: Willenbrock

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Alexander Osang: die nachrichten.

Roman. S. Fischer, 378 Seiten, gebunden, 39,80 DM.

Der Titel und erst recht das Titelbild lassen keinen Zweifel aufkommen, das ist ein Buch über die deutsche Nachrichtensendung schlechthin – die Tagesschau. Der ostdeutsche Nachrichtensprecher Jan Landers hat den großen Karriereschritt geschafft – er spricht die Tagesschau und moderiert die Talkshow »Auf dem Zahn der Zeit«. Natürlich trügt das malerische Bild. Landers ist zwar erfolgreich, aber er fühlt sich in Hamburg nicht wohl, er kann sich einfach nicht an die Stadt und die Gepflogenheiten der Medienwelt gewöhnen. Es kommt, wie es kommen muß, seine Misere wirkt sich auch auf sein Liebesleben aus. Die Traumwelt gerät in Gefahr, als das Gerücht aufkommt, Landers hätte früher für die Stasi gearbeitet.

Also nur eine neue Mediensatire à la Wedel? Das Buch desillusioniert eher, als daß es sich über die Zustände im Mediengeschäft lustig macht. Seien wir ehrlich, wir vertrauen den Bildern in den Nachrichten wesentlich eher als dem geschriebenen Wort. Gleichzeitig hoffen wir darauf, daß die Journalisten nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten und uns seriös informieren. Die selben Kriterien gelten natürlich auch für die Nachrichtensprecher. Jan Landers entspricht diesem Bild nun überhaupt nicht. Was ihn interessiert, ist, wie er aussieht, wie er im Fernsehen wirkt. Er achtet nicht auf die Nachrichten, sondern darauf, wie die Reporter aussehen. Als Moderator der Talkshow geht es ihm genauso. Er spricht über Bücher, die er nicht gelesen hat, etc. Das, was wirklich wichtig ist, passiert nach der Show. Das allgemeine Besäufnis an der Hotelbar, wer verschwindet mit wem auf dem Hotelzimmmer…

Das Buch verdankt einen Teil der Spannung dem Umstand, daß die Figuren sehr stark an reale Journalisten angelehnt sind. Man fragt sich unwillkürlich, was davon Fiktion und was Realität ist. Aber was Osang gleichzeitig geschrieben hat, ist ein beklemmendes Portrait über Ostdeutsche so um die Ende 30 – über jene Generation, die ihre prägenden Jahre noch in der DDR verbracht hat und jetzt mehr oder weniger im neuen Deutschland angekommen ist. Sie sind beruflich erfolgreich, und sie werden sich den neuen Umständen erneut anpassen. So ganz akzeptiert haben sie das neue Wertesystem aber immer noch nicht. Daß man zeigt, wer man ist, indem man in einer bestimmten Gegend wohnt, seine Wohnung so und so einrichtet, dieses und kein anderes Auto fährt, wird ihnen immer etwas fremd bleiben.

Keine Angst, das Buch ist trotzdem unterhaltsam, hält seinen trockenen lakonischen Erzählstil durch und ist einfach faszinierend.

Jörg Zimmermann

Alexander Osang: Die Nachrichten.

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Julia Franck: Bauchlandung.

Geschichten zum Anfassen. DuMont, gebunden, 120 Seiten, 29,80 DM.

Als »Geschichten zum Anfassen« bezeichnet Julia Franck die in ihrem Erzählband »Bauchlandung« gesammelten Kurzgeschichten. Aus eindeutig weiblicher Perspektive erzählen einzelne Protagonisten prägende Augenblicke der Nähe, die sie in ihrer jeweils spezifischen Lebenssituation erfahren: Verborgene Gelüste, offene Begierden und dabei die immer stets gleichbleibende Sorge, die eigene schützende Distanz zu verlieren. Zwar kann man sich »anfassen«, doch nur selten wirklich berühren, die »Bauchlandung« und die beständige Angst vor selbiger werden zur Gewißheit. Während eine schöne, blonde Schwimmeisterin tote Wespen aus dem Wasserbecken fischt, verlieren sich ihre Gedanken in eine Affäre mit Badegast Justus. Die imaginäre Begegnung gestaltet sich zu einer Farce, und nur wenige Meter weiter zieht man den fast ertrunkenen Justus aus dem Wasser.

Ein kleines Mädchen reflektiert das Verhältnis ihrer Mutter, und beim vorgezogenen Leichenschmaus des Großvaters leitet die groteske Situation einen Flirt zwischen Cousin und Cousine ein. Von einer Zugfahrt zur Hochzeit der Freundin erhofft man sich eine aussichtsreiche Reisebekanntschaft – und fühlt sich von einer solchen bald aus dem Zugabteil vertrieben. Gleichermaßen verliert der Voyeurismus seinen Reiz, sobald die eigene Person involviert ist, und auch der besten Freundin kann man dann nicht mehr beistehen, sobald man selbst diejenige ist, mit der sie von ihrem Freund betrogen wird.

Einzelne Individuen erfassen Situationen, die in ihrer Isoliertheit und Ausschnitthaftigkeit als skurril erscheinen. Gleichzeitig fühlt er sich heimisch, der Leser, in diesem Spiel zwischen Nähe und Distanz. Nicht nur das bekannte Berliner Flair, auch das Denken und Fühlen der Protagonisten läßt in die eigenen Reihen blicken.

Gerrit Helmke

Julia Franck: Bauchlandung

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Georg M. Oswald: Alles was zählt.

Roman. Hanser, gebunden, 199 Seiten, 34,– DM.

Alles, was zählt, ist gemeinhin Geld. Aber für Thomas Schwarz, den Banker, ist es noch viel wichtiger, sich von dem Geschmeiß abzuheben, welches ihm jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit begegnet. Bettler, alte Menschen, Punks und Vorbestrafte sind ihm ein Greuel, ja der Abschaum, der in dieser Gesellschaft nichts zu suchen hat, ihm nur auf der Tasche liegt. Er dagegen macht als stellvertretender Leiter der Abteilung Abwicklung und Verwertung seiner Bank alles richtig, steht kurz vor der Beförderung und zeigt den säumigen Kreditkunden mal so richtig, was er von ihren phänomenalen Geschäftsideen hält … und pfändet das Inventar.

An dem Tag, an dem er den quasi unlösbaren Fall Kosiek von seiner Chefin (!) zur Lösung vorgelegt bekommt, beginnt er zu ahnen, daß es für ihn eine Zeit nach der Bank geben wird. Und so kommt es auch. Die jahrelang verschleppte Kreditsache des Baulöwen Kosiek ist von Schwarz nicht zu entflechten, und aus dem knallharten Abwickler wird ein Mobbing-Opfer erster Güte und ein Arbeitsloser. Dieser erste Teil des Buches heißt sinnlicher Weise Drinnen, und Oswald wirft einen wunderbar zynischen Blick auf einen Menschen, der Geld verwaltet, welches ihm nicht gehört, und sich gerade deswegen für eine Art Gott hält (erinnert etwas an den Zigarettenlobbyisten in »Danke, daß sie hier rauchen« von Christopher Buckley). Als Schwarz auch noch die Frau wegrennt, ist er endgültig Draußen. Doch mit der antrainierten Skrupellosigkeit kommt man auch in der Halbwelt weiter. Mehr sei hier nicht verraten.

Oswalds ironischem Blick auf die kapitalistische Geschäftswelt sollten sie nicht als Bettlektüre benutzen, es könnte eine kurze Nacht werden. Den ach so coolen Herrn Schwarz schließen wir ob seiner Schwächen schnell in unser Herz und schauen morgen mal im Büro genau hin, wer da an unseren Stühlen sägt.

Übrigens: Interessante Parallele zu Christoph Heins »Willenbrock« ist, daß die eigentliche Katastrophe ausbleibt

ron

Oswald: Alles was zählt

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Tomi Ungerer: Otto.

Autobiographie eines Teddybären.
Diogenes, 36 Seiten, gebunden, 26,90 DM.

Das ist Otto. Otto gehörte David, einem Jungen. Der hatte einen Freund, der hieß Oskar. Eines Tages bekam David einen gelben Stern, auf dem stand das Wort »Jude«. Bald danach mußten alle Leute, die einen gelben Stern trugen, in einen Lastwagen steigen und wurden weggefahren. Otto blieb bei Oskar. Oskars Vater mußte bald zum Militär. Es war Krieg. Otto und Oskar versteckten sich im Luftschutzkeller. Eines Tages, bei einem Bombenangriff, flog Otto durch die Luft und verlor das Gedächtnis. Otto wurde von einem amerikanischen Soldaten aufgehoben. Beide wurden von einem Bombensplitter getroffen und kamen ins Krankenhaus. Otto bekam einen Orden, weil er dem Soldat das Leben gerettet hatte. Der Soldat schenkte Otto seinen Kindern in Amerika. Nach vielen Jahren und weiteren Abenteuern landete Otto in einem Antiquitätenladen. Eines Tages kam ein alter Mann in den Laden. Es war Oskar. Die Geschichte stand in jeder Zeitung, und so erfuhr es auch David, der noch lebte. So waren sie bald alle wieder vereint. Ihre Familien jedoch hatten den Krieg nicht überlebt. Otto schrieb diese ganze Geschichte auf. Der Diogenes Verlag hat ein Buch mit schönen Bildern von Tomi Ungerer daraus gemacht.

Hannah Josephine Gebhardt (8 Jahre)

Otto

Tomi Ungerer: Otto

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Mai 2000

David Baddiel: Was man so Liebe nennt.

Roman, Verlag Antje Kunstmann, 336 Seiten, 39,80 DM.

Es gibt eine Zeitung in Deutschland, in deren Sportteil Zeitgenossen die Frage »Wo waren Sie beim Sparwassertor?« beantworten dürfen. Da die Handlung dieses Buches aber im England des Jahres 1997 beginnt, kann die Frage nur lauten? … Richtig: »Was machten Sie als Prinzessin Diana starb?«.

Mit Fragen dieser Art müssen sich die vier Protagonisten beschäftigen. Da wäre zuerst einmal Vic. Nach einem gescheiterten Versuch, Rockstar zu werden, begnügt er sich mit Jobs als Studiomusiker. Liebe betrachtet Vic als einen vorübergehenden Zustand, und entsprechend häufig wechseln die Partnerinnen, bis er auf Tess trifft. Tess arbeitet als Weineinkäuferin, reist viel durch Europa und hat sehr ähnliche Vorstellungen wie Vic. Trotzdem fragt sich Vic, warum die Beziehung schon so lange hält.

Joe dagegen glaubt fest an die große Liebe und hofft, sie in Emma gefunden zu haben. Emma hat mal Möbel entworfen, Joe leitet ein biochemisches Labor, und beide haben zusammen ein Kind. Joe's Traum erfüllt sich nicht, denn irgendwie ist die große Liebe zwischen ihm und Emma auf der Strecke geblieben. Beide Paare sind gut miteinander befreundet. Dann befindet sich England in diesem leicht hysterischen Zustand, der nach dem Tod von Diana eintrat. Und gerade an diesem Tag beginnt Vic eine Affäre mit Emma – der Frau seines besten Freundes Joe. Es beginnt eine lange Affäre, aus der bald das Bedürfnis nach mehr entsteht. Aber bevor man an eine Lösung des Konfliktes denken kann, geschieht etwas, das jede weitere Überlegung überflüssig macht…

Baddiel erzählt lakonisch, distanziert, aber eben nie zynisch über all die kleinen und großen Gefühlen, die »man so Liebe nennt«. Er erzählt von Lust und Intimität, von Nähe und Enge, von Entfremdung und neuen Gefühlen.

Ich habe selten ein Buch gelesen, das auf so unterhaltsame Art über die verschiedensten Probleme in Beziehungen von Leuten Ende 20/Anfang 30 berichtet hat. Ach ja, jede gottverdammte Frauenzeitschrift hat das Buch gelobt, es ist trotzdem gut.

JZ

Baddiel, Liebe

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Bill Bryson: Streiflichter aus Amerika.

Goldmann, 351 Seiten, gebunden, 39,90 DM.

Stellen Sie sich doch mal folgendes vor. Sie sind in den USA aufgewachsen, ziehen mit ihrer Familie für 20 Jahre nach England und dann wieder in die USA zurück und sollen dann über ihre neuen Erfahrungen in Amerika eine wöchentliche Kolumne in einer Zeitung schreiben.

So oder so ähnlich ist es Bill Bryson ergangen, und jetzt können wir uns über seine »Streiflichter – Die USA für Anfänger und Fortgeschrittene« freuen. Hier findet sich alles, was man an einer Zeitungskolumne schätzen kann. Kurze und präzise Beschreibungen der verschiedensten Alltagssituationen, die man sich vorstellen kann. Wer schon mal in Amerika war, wird so manches wiederfinden, was einen damals befremdet, gefreut oder geärgert hat. Und für den, der noch nie da war? Sie werden Vorurteile bestätigt finden, von denen sie noch gar nicht wußten, das sie sie haben.

Kurzum, Pflichtlektüre für alle, die entweder in den USA waren, bald hinfahren werden oder sich einfach nur für das Land interessieren.

GC

Bryson, Amerika

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Christoph Dieckmann: Hinter den sieben Bergen.

Geschichten und Reportagen, dtv, 249 Seiten, Taschenbuch, 19,50 DM.

Ob der Dieckmann kurz Zeit für ihn habe, bevor er bei uns lese, fragte mich der 18jährige am Vormittag des Ereignisses jüngst im April in der Buchhandlung. »Weiß man nie so genau, wann sie so eintrudeln, die Autoren«, sagte ich. »Aber danach bestimmt.« – »Ich hab nämlich mal neben dem Dieckmann im Carl-Zeiss-Fanblock gestanden, und was der da für Sachen rausgehauen hat, absolut cool, saucool.« Sprachs und verschwand.

Ja, ja der Dieckmann und sein FC Carl Zeiss Jena.

Ein kleiner Schatten lag über seinem Antlitz, als er zur Lesung erschien, und der verflog denn auch den ganzen Abend nicht. Wir wußten sofort Bescheid: Fußball-Regionalliga Nordost. Jena auf Platz Sieben. Die ersten sechs steigen nicht ab. Wir vom VfB Leipzig sind Zehnter. Und trotzdem veranstalten wir noch Lesungen! Und der Dieckmann liest noch! Und wir lesen ihn.

Sonst bei Christoph Links, diesmal beim Deutschen Taschenbuchverlag, der sich die Mühe machte, Geschichten und Reportagen aus vier zwischen '91 und '98 erschienenen Dieckmann-Titeln auszuwählen und sie in das Braun der Aschenbahn des Ernst-Abbé-Sportfeldes zu heften. Sehr löblich.

Ein Kind der DDR ist er, der jetzige »Quotenossi« bei der »Zeit«, und da er schon mal da war, hat er genau hingeschaut und hingehorcht, wie er selbst sagt, hat sich's gemerkt und nach der Wende aufgeschrieben. Die Texte, mit Preisen überhäuft, sind von einer Dichte und Präzision, daß man neidisch werden könnte (z.B. »Weil der Trabi uns gehört«, S.128).

Mit komischironischen aber stets ehrlichen Sätzen erklärt er den Westdeutschen sein immer noch unbekanntes Land und kann dabei gottlob auch über sich selbst lachen.

Der junge Mann kam dann doch nicht zur Lesung. Hätte er mal machen sollen, denn danach sprach Christoph Dieckmann nur noch über seinen FC Carl Zeiss.

ron

Titel Dieckmann

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Eloise. Ein Buch für frühreife Erwachsene.

Kay Thompson/Hilary Knight: Eloise.

Ein Buch für frühreife Erwachsene. Berlin Verlag, 59 Seiten, gebunden, 29,80 DM.

Eloise ist ein Mädchen, daß in einem Hotel in New York mit seinem Kindermädchen lebt. Eloise hat einen Hauslehrer namens Philip und zwei Tiere: die Schildkröte Skipperdee und der Hund Weeni. Sie ärgert gern andere Leute, einfach weil es ihr Spaß macht. Manchmal denkt sie sich Dinge aus, so zum Beispiel, daß sie 40 Kinder hätte oder daß sie ein Riese wär und aus ihrem Haar Feuer käme. Ihr Zimmer sieht wahnsinnig verwüstet aus. Das Buch über die Abenteuer von Eloise hat viele lustige Bilder, die sehr schön gezeichnet sind.

Eloise ist ein sehr gutes Buch für Kinder, vielleicht auch für Erwachsene.

Hannah Josephine, 8 Jahre

Eloise beim telefonieren

Eloise

Titel Eloise

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März 2000

Florian Illies: Generation Golf.

Eine Inspektion. Argon Verlag, 217 Seiten, gebunden, 34,– DM.

Der Generationsbegriff ist einer der am häufigsten benutzten Begriffe im Feuilleton – eine neue Generation am Theater hier, eine neue Generation von Autoren da, die neuen Wilden etc. Dabei hat Deutschland nach 1945 nur zwei »echte« Generationen erlebt. Zuerst die Flakhelfer, die noch am zweiten Weltkrieg teilgenommen haben und den Wiederaufbau mitgestaltet haben, dann – und in scharfer Abgrenzung zur ersten Generation – die 68er. Andere Begriffe, wie 78er und 89er, sind eher wohlgemeinte Erfindungen von Soziologenhirnen, die weit weniger auf Tatsachen beruhen. Spannender ist es da schon, wenn Autoren versuchen, ihre eigene Generation zu beschreiben. Erinnert sei an Bret Easton Ellis mit »Less Than Zero« bis »American Psycho«, Christian Krachts »Faserland« und am nachhaltigsten Douglas Coupland mit »Generation X«.

Jetzt beschreibt also Florian Illies, der als Feuilleton-Redakteur bei der FAZ in Berlin arbeitet, die Generation Golf. Dazu gehören – laut Autor und Verlag – alle diejenigen, die zwischen 1965 und 1975 geboren sind. Aber was für eine Generation soll das sein, die ihren Namen und ihr Selbstverständnis einer Werbekampagne eines Autos verdankt? Um es einfach zu machen: was als Generation Golf beschrieben wird, ist eine westdeutsche Mittelstandsjugend der 80er mit zuvorderst all ihren Sicherheiten und Bequemlichkeiten. Die Eltern, 68er oder zumindest stark durch 68 geprägt, haben den Weg durch die Institutionen hinter sich. Sie haben sich behaglich in dieser Welt eingerichtet, die sie nicht annähernd so verändert haben, wie sie das mal wollten. Wozu verändern, was man jetzt mag und genießt? Papi verdient genug Geld für das Eigenheim im Grünen, und Mami braucht nicht zu arbeiten, bekommt aber einen Golf zum Einkaufen und zum Kinder aus der Schule holen. Man müht sich um einige Sozialreformen und läßt die Kindern eine liberale Erziehung genießen.

»Die Generation vor uns trieb der Gedanke an eine bessere Zukunft um, und sie versuchte mit viel Energie, die Gesellschaft zu verändern.«, schreibt Illies, aber die Bemühungen sind fast erfolglos, man denke nur an Nachrüstung, Startbahn West … Diese Erfahrungen hat die Generation Golf verinnerlicht. »Die Suche nach dem Ziel hat sich somit erledigt.« Nicht mehr die Welt verändern, sondern sich gut darin einrichten, ist jetzt das Ziel.

»Playmobil ist sicherlich das Prägendste, was unserer Generation passiert ist. … Wer jemals ein Plastikhaus von Playmobil geschenkt bekam, für den war es albern, sich je wieder die Mühe zu machen, das selbe mühsam und weniger schön mit Legosteinen zusammenzubauen.« Wenn Pubertät nicht mehr Rebellion, sondern nur noch affirmatives Übernehmen von vorgelebten Werten und Normen bedeutet, entfällt der wesentlichste Punkt von jugendlicher Emanzipation. Wie soll man aber auch gegen Eltern rebellieren, die auf die Ankündigung, das man nächste Woche zu den Rolling Stones ins Konzert will, mit der Bemerkung »Bring uns mal zwei Karten mit!« reagieren. Die letzte Differenz liegt in der bewußten Zuwendung zu bestimmten Bekleidungsmarkenartikeln, wobei diese Kleidung eben nicht mehr auf Werte verweist, sondern nur noch auf materielle Verhältnisse der Eltern. Eigentlich ist das nicht sonderlich neu. Neu ist allerdings, das es sich hierbei um akzeptierten Mainstream handelt, der nicht mehr von entsprechenden Subkulturen begleitet wird.

Was macht das Buch so lesenswert? – Es ist keine trockene, soziologische Analyse, sondern eine Beschreibung einer bestimmten Art von Jugend. Das Buch wertet nicht, Urteile bleiben dem Leser überlassen. Es wirklich für eine Generationsbeschreibung zu halten heißt, dem Buch auf den Leim zu gehen.

JZ

Illies: Generation Golf

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Sándor Márai: Die Glut.

Roman. Piper, 223 Seiten, gebunden, 36,– DM.

Die Länderschwerpunkte vergangener Buchmessen, erinnert sei in diesem Zusammenhang an Literatur aus Bulgarien oder Ungarn, waren für den »literarischen Normalverbraucher« schlichtweg nicht nachvollziehbar, ja bisweilen belanglos. Zumindest aber haben sie uns eines beschert: die Wiederentdeckung des großartigen Autors Sándor Márai.

Márai, der unter anderem auch in Leipzig studierte, stammt aus einer sächsisch-mährisch-ungarischen Familie und schrieb sowohl in deutsch als auch in ungarisch. Der einzige Roman, der bisher in deutscher Übersetzung vorliegt – »Die Glut« – ist ein kleines, weil schmales Meisterwerk. Die Geschichte ist schnell erzählt: Der General, ein adeliger Sproß der untergehenden k.u.k.- Monarchie, lebt einsam und zurückgezogen in seinem Schloß, in dem er seit 41 Jahren auf seinen Jugendfreund Konrad wartet. Und hier setzt auch die Handlung ein, die einen Tag und eine Nacht umfaßt. Konrad erscheint, wie der General mit schlafwandlerischer Sicherheit vorhergesehen hat, und die beiden reden, das heißt eigentlich redet der General. Konrad war nach einem gemeinsamen Jagdausflug überstürzt geflohen. Ein tragischer Zwischenfall, der eigentlich nicht stattgefunden hat, sowie Krisztina, die Frau des Generals, mögen der Auslöser dafür gewesen sein. Aber vielleicht war alles auch ganz anders.

In ungewöhnlich faszinierender Weise sind die Protagonisten des Romans facettenreich und unbestimmt. Da ist der General, der die Kopie des Vaters, eines Gardeoffiziers, zu sein scheint, gleichzeitig aber ein sensibler und schwächlicher Knabe war. Seine Mutter, eine feinsinnige Französin, lebte in einem durch starke Anziehung und Abstoßung geprägtem Verhältnis mit dem Vater, das sich in gespenstischen Weise in der Ehe des Generals zu wiederholen scheint. Der künstlerisch ambitionierte Konrad, aus armen Verhältnissen stammend, ist dem General in einer eigenartigen Verquickung aus feindseliger Berechnung und echtem Gefühl zugetan, und auch Krisztina, die geliebte Tote, spielt eine höchst zwielichtige Rolle in dem verwirrten Beziehungsgeflecht der zwei Freunde.

Márai versteht es mühelos, seine widerspruchsvollen Akteure in einem Netz aus Erinnerung, Vermutung und Gegenwart agieren zu lassen, in dem einzelne Szenen wie aus einem Traum anmuten. Wortgewaltig und vielstimmig, aber ohne vordergründige Erklärungen, nähert sich der Autor Mysterien wie Liebe, Freundschaft und menschlicher Existenz.

Angela Straube

Márai: Die Glut

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Hans-Ulrich Treichel: Tristanakkord.

Roman. Suhrkamp, 237 Seiten, gebunden, 38,– DM.

Ich habe ja schon immer den Verdacht gehabt, daß es irgendwo da draußen genauso arme Socken gibt wie mich. Genauer gesagt: eigentlich sogar Socken, die erfahrener im Armsein sind … Nun habe ich eine davon gefunden – Georg Zimmer. Ein, nach zwölf Semestern, frisch gebackener Magister-Artium-Germanist, dem das Kreuzberger Sozialamt für seine mit »gut« bestandene Prüfung neben Miete und Krankenversicherung sogar ein Taschengeld bezahlt. Finanziell so großzügig sichergestellt, greift mein Leidensgenosse nach dem, was uns Geisteswissenschaftler umtreibt: wissenschaftliche Lorbeeren, sprich dem Doktortitel. Das Doktorandenstipendium ist beantragt, sechs Jahre Bibliotheks- und Nachschlagewerkerfahrung beginnen sich auszuzahlen, und mit neidisch-hinterhältigen Mitstudenten mußten schon ganz andere fertig werden. Und um das Maß vollzumachen, bietet sich Georg der Nebenjob seines Lebens – ein bekannter deutscher Komponist mit Namen Bergmann will seine Lebenserinnerungen überarbeitet und korrigiert haben. Von da an geht alles rasend schnell: eben noch in Schottland, findet sich unser »Held« beim nächsten Augenaufschlag in New York und dann in den heiligen Refugien des Maestro in Sizilien wieder. Das allein würde schon ausreichen, um Nerven – hauptsächlich die unseres guten Georg – blank zu legen, aber ihm bleibt nichts erspart: Städte muß er sich mittels Reiseführerwissens erkunden, schöne, begehrenswerte Frauen mit dem selbstmitleidigen Zug eines »Eine-Nummer-zu-groß-für-mich«-Blickes begaffen, und ein eitler, alternder, lebensuntüchtiger, dafür aber Musik am Fließband produzierender Geck treibt böse Spielchen mit unserer Provinzblume. Und nicht zuletzt ist da noch das Emsland …

Tja, was bliebe noch zu sagen? Ich bin in einer Großstadt geboren, nicht blond gelockt, damit resistent gegen jegliche Art von Lyrik und inzwischen alt genug, um zu wissen, daß es immer schlecht ist, mit Wissen zu prahlen, das man gar nicht hat.

Und was zum Teufel ist eigentlich ein Tristanakkord?

Irina Kramp

Treichel: Tristanakkord

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Wolfgang Hilbig: Das Provisorium.

Roman. Fischer, 320 Seiten, gebunden, 39,80 DM.

Da hat C. es also geschafft! Er, inzwischen Mitte vierzig, in dem kleinen Ort M. nahe Leipzig geboren, vom schreibenden Heizer in die Riege der öffentlich bekannten Berufsschriftsteller aufgerückt, hält nicht nur eine Einladung plus Stipendium von seinem westdeutschen Verlag, sondern auch sein Einjahresvisum in den Händen. Seit langer Zeit das erste und für lange Zeit das letzte, das ihn aus seiner Passivität reißt. Und dann geht alles sehr schnell – seine Abreise gen Westen gleicht einer Flucht vor Problemen, Erwartungshaltungen und Zwängen, die ausgelöst werden durch Menschen und Strukturen, mit denen er innerlich nichts zu tun hat. Eine einjährige Auszeit zur Orientierung und Positionierung scheint da genau das Richtige zu sein.

Das Weggehen ist C.s Problem nicht, doch mit dem Ankommen will es nicht klappen. Alles – Städte, Wohnungen, Lesereisen, Begegnungen und selbst die Liebe – ist zur Requisite degradiert, ist reine Äußerlichkeit, die dem zerfallenden und sich in Alkohol, Selbstzweifeln und Impotenz auflösenden Individuum kein Bezugs-, geschweige den Normensystem geben kann. Doch das erscheint weder neu noch bedenklich. Die Koordinaten, in denen sich C.s Leben bis jetzt abgespielt hat, waren immer fremdbestimmt bzw. beliebig. Die Bedrohung kommt von innen, denn der Sinn und damit das Ordnungssystem seines Lebens – das Schreiben – ist schon vor einiger Zeit weggebrochen. Der schöpferischen Impotenz folgt die sexuelle, und durch die vollständige Austrocknung entsteht ein gewaltiger, imaginärer Durst, dem C. nur durch Alkohol begegnen kann.

Wird die äußere Welt durch das Plakative dominiert, so ist C.s Innenleben von Provisorien beherrscht. Das treibt ihn um, läßt ihn zu einem Pendler zwischen den beiden deutschen Staaten werden, dem Bahnhöfe mit ihrem Durchgangsverkehr zum Inbegriff der Welt und des Lebens werden. Entscheidungen werden nicht von C. getroffen, sondern sind das Ergebnis von verstrichener Zeit und ungenutzten Möglichkeiten. Das Visum läuft ab, ohne daß C. in die DDR zurückkehrt. Doch auch dann bleiben die Anderen die Handelnden. Hilflos und mit einem gewissen Selbstekel betrachtet C. seine Biographie, die sich nicht gravierend von anderen zu unterscheiden und sich trotzdem nicht in dieses Jahrhundert einzuordnen scheint. C. ist ein Außenseiter, ausgeschlossen aus jeglicher Gesellschaft, dem es nicht gelingt, sich zu positionieren und anzupassen in einer Welt, die zu komplex geworden ist für einfache, vergröbernde Urteile und Entscheidungen.

Nach der Lektüre dieses Buches habe ich dem nach der Wende bei Sonnenaufgang auf dem Leipziger Hauptbahnhof eintreffenden C. nichts sehnlicher gewünscht als eine Lösung und den Ausruf: Aus Eigener Kraft Geschafft!

Irina Kramp

Hilbig: Das Provisorium

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