Rezensionen 1999
Wichtige Bücher, gelesen von unseren Mitarbeitern

       
Januar (#9)März (#10)Mai (#11)Juni (#12)September (#13)Dezember (#14)

Dezember 1999

Fast zeitgleich sind zwei englischsprachige Autoren »auf den Hund gekommen«. John Berger und Paul Auster erzählen ihre Geschichten über Randgruppen der Gesellschaft jeweils aus der Sicht eines Hundes. Doch wo Auster seinen Mr. Bones die amerikanischen Zustände nur mit Hundeverstand betrachten läßt, hat Berger mit King einen ungewöhnlichen Erzähler gefunden und das einfühlsamere Buch geschrieben.

 

John Berger: King.

Roman. Hanser, 182 Seiten, 29,80 DM.

King ist Vica und Vico zugelaufen und lebt jetzt mit ihnen außerhalb der Stadt auf einer ehemaligen Müllhalde. Dort haben sie sich mühsam ihren kleinen privaten Raum geschaffen: mit einem Bett, drei Haken für drei Tassen an der Wand und einem Einweckglas mit den Erinnerungsstücken an ein früheres Leben. Bettelnd, mißachtet von den Passanten und selber ohne Hoffnung erzählen Vica und Vico dem Hund ihre Geschichte. Sie erzählen von ihrer Liebe, welche in einer Zeit mit Geld begann und buchstäblich auf dem Müll endete. Doch Vico sagt: »Die Hütte ist das beste, was ich im ganzen Leben besessen habe«, denn sie ist für ihn und Vica und King ein Zuhause.

»Ein Paar ist selten und in dieser Lage fast eine königliche Erscheinung« meint der Hund, bleibt bei ihnen und hört geduldig zu. Oder erfindet er die Geschichte von Vico und Vica nur? Denn ohne Zweifel ist es nur eine Geschichte von vielen, die scheiterten – aber es ist auch eine von wenigen, die trotzdem ihre Liebe bewahrt haben. Doch ist Bergers King wirklich ein Hund? Oder sind nicht längst die Menschen auf den Hund gekommen? Im dramatischen Finale des Buches scheint das nicht mehr klar zu sein, zu elend wirken die Menschen, zu menschlich wirkt der Hund, der letztendlich als einziger mit dem Leben davonkommt.

Anett Schwarz

Berfer: King

Bestellen

Paul Auster: Timbuktu.

Roman. Rowohlt, 189 Seiten, 36,– DM.

Austers Hund zieht das jenseitige Leben dem hiesigen vor und begibt sich deshalb auf die Suche nach Timbuktu, das »irgendwo inmitten einer Wüste weit weg von New York oder Baltimore« liegt und wo ein Hund als bester Freund des Menschen an der Seite des Menschen bleiben darf, wenn »besagter Mensch und besagter bester Freund die Kurve gekratzt hatten«.

Mr. Bones Besitzer Willy G. Christmas ist tot. Mit diesem verrücktgewordenen und obdachlosen Poeten hatte der Hund seit Jahren Amerika bereist. Jetzt sucht Mr. Bones neue Menschen, denen er der beste Freund sein könnte, und wird im Garten einer Familie aufgenommen, wo er reichlich Futter, viel Zuwendung der Kinder und die Liebe der vernachlässigten Ehefrau bekommt – und eine Kette. Die Allegorie scheint eindeutig: arm und frei oder reich und gefangen.

Trotzdem ist Mr. Bones ein typischer Auster-Held; verletzt durch eine Welt, die er nicht zu entschlüsseln vermag und gegen die er sich nicht wehren kann, erliegt er der Versuchung, sich ihr einfach zu entziehen, nach Timbuktu zum Beispiel.

Anett Schwarz

Auster: Timbuktu

Bestellen

Taschenbuch für 14,90 DM bestellen

Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee.

Roman. Volk und Welt, gebunden, 157 Seiten, 28,– DM.

Noch in der letzten Ausgabe dieses Blattes hatte ich Thomas Brussig im Verdacht, uns in benebeltem Zustand diese unsägliche »Neuland«-Schwarte beschert zu haben. Nur vier Wochen später wissen wir, Frau Endlich gibt es wirklich, und ihre Jammerorgie ist im Vergleich zu dem, was danach kam, noch harmlos. Herausgeber Bittermann schlug mit seinen Mitautoren in »It’s a Zoni« voll in die faule Ossi-Masse, und Kollege Roethe gar kündigte in »Arbeiten wie bei Honecker – Leben wie bei Kohl« ein Ende der Schonfrist (?) an.

Hin und hergerissen zwischen einem schäbigen Verleugnen, einem trotzigen »Na und?« oder einem bösen »Die haben keinen Plan!« kommt meiner verleumdeten Seele Brussigs Sonnenallee zu Hilfe. Ja, wir haben damals auch gelebt und vor allen Dingen gelacht.

Lachen ist überhaupt angesagt beim Lesen dieses Buches, hat der Autor doch großen Wert auf Detailgenauigkeit gelegt. Und so begegnet uns die ganze fast vergessene Palette der kleinen und großen Merkwürdigkeiten dieser komischen DDR. Da geht es um die Schwierigkeit, eine »West-Platte« zu besorgen, um Ost-Popmusik in der Schul-Disko, um gefährliche Hellerau-Möbel oder um das Küchenradio »Fichtelberg« mit seinen vier Knöpfen (= sparsamster Materialeinsatz!). Für Einheimische ein Buch mit Aha-Effekt, für Neuankömmlinge eine Geschichtseinführung: Das wird schon noch mit uns!

ron

Brussig: Sonnenallee

Bestellen


September 1999

Saul K. Padover: Lügendetektor.

Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45. Mit Photographien von Lee Miller. Erfolgsausgabe in der Anderen Bibliothek. Herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger. Eichborn Verlag, 354 Seiten, 44,– DM.

»Ich komme mir vor wie ein Ethnologe, der in das Gebiet eines unbekannten Stammes eindringt.«

Saul K. Padover, 1905 in Wien geborener Sohn jüdischer Eltern, persönlicher Referent des amerikanischen Innenministers und einflußreicher Offizier der Abteilung für psychologische Kriegsführung der US-Army, rückte im Herbst 1944 mit den amerikanischen und britischen Truppen auf Deutschland vor. Frankreich, Holland, Belgien und Luxemburg wurden durchquert, die Soldaten von der Bevölkerung als Befreier gefeiert. Erstaunlicherweise ging jedoch auch der Einmarsch in Westdeutschland ohne den erwarteten großen Widerstand der Zivilbevölkerung voran. Weiße Fahnen hingen aus den Fenstern, deutsche Mädchen empfingen die Soldaten mit Blumen, und Bürgermeister hießen amerikanische Stadtkommandanten mit der Versicherung willkommen, daß sie niemals Nazis gewesen seien und gern den neuen Herren zu Diensten stünden. Padover will wissen, was in den Köpfen der besiegten »Herrenmenschen« vor sich geht. Sieben Monate ist er im Lande und spricht zwischen Rhein und Elbe mit den Deutschen, wobei er vom Arbeiter bis zum Unternehmer, von der Hausfrau bis zum SS-Mann unterschiedliche Charaktere kennenlernt, die jedoch eines eint: Sie alle bezeichnen sich als »völlig unpolitisch« oder allenfalls als »Mußnazis«, und natürlich lehnen sie Hitler ab.

LeipzigWie tief Padover in die Psyche der Deutschen vorstieß und sie dabei entlarvte, zeigen seine Beobachtungen: »Diese Deutschen waren derart autoritätshörig und dokumentengläubig, daß sie sich erst beruhigten, wenn wir ihre Ausweise angeschaut hatten. Sie hielten uns ihre Papiere unter die Nase, um zu beweisen, daß alles in Ordnung war. Ich habe kein Volk gesehen, das so dokumentenfixiert war. Sie klammerten sich an Geburtsurkunden, Wehrpässe, Reisegenehmigungen, Entlassungspapiere, Taufscheine, Ariernachweise, Heiratsurkunden, Sozialversicherungsnachweise, Gehaltsbescheinigungen, Arbeitsbescheinigungen, Impfpässe – an irgendwelche Papiere eben, die beweisen sollten, daß sie am Leben waren und wohl auch das Recht hatten, am Leben zu sein. Diese leidenschaftlichen Sammler von Papieren, zumal von amtlich beglaubigten, mit Unterschrift und Stempel versehenen Papieren, boten einen amüsanten Anblick, bis einem klarwurde, daß dies das Verhalten von Sklaven war, die Bürokraten anbeteten.«

Das entstandene Psychogramm der Deutschen in der Stunde Null beweist, daß ein Schuldbewußtsein bei der Allgemeinheit der Deutschen zumindest in dieser Zeit praktisch nicht vorhanden war. Alles habe man verloren, sagten die Menschen nur, Ausländer würden überall im Lande herumstreifen und ungehindert plündern und stehlen. »Man hat uns belogen und betrogen«, heißt es immer wieder. Padover fragt nach den Gerechten in Deutschland. »Millionen hatten noch 1933 für SPD und KPD gestimmt, zwölf Jahre später jedoch fanden weder ich selbst noch andere Leute eine nennenswerte Zahl von Oppositionellen, die offen oder versteckt gegen das Hitlerregime gekämpft hätten, sondern nur erbärmliche Mitläufer. Das allein ist der schlimmste Vorwurf, den man den Deutschen machen kann.«

Padovers Berichte waren einflußreich und wurden von Präsident Eisenhower bei der Entwicklung einer zukunftsorientierten Deutschlandpolitik zu Rate gezogen und beherzigt.

So ist das Buch ein wichtiges, historisches und bislang nie ins Deutsche übersetzte Dokument, welches auch nach einem halben Jahrhundert nichts von seinem Wert verloren hat.

Peter Hinke

Padover: Lügendetektor

Bestellen

Ethan Hawke: Hin und Weg.

Roman. Ullstein, 124 Seiten, 14,90 DM.

William Harding, fast 21, lernt Sarah in einer New Yorker Bar kennen. Es ist zwar, wie er im nachhinein treuherzig eingesteht, keine Liebe auf den ersten Blick, doch bildet sie einen »interessanten Kontrast« zu den beiden Frauen, mit denen er gerade »ausgeht«. Kein Wunder: Sarah ist pummelig, schüchtern, hat zu große Brüste, dicke Beine und – sie ist seltsam eigensinnig. Daß William sich gerade in sie verliebt, ist keine Frage. Gegensätze ziehen sich nun einmal an, und angesichts des rührigen Konterfeis Ethan Hawkes auf dem Buchdeckel kann auch sein Held und Erzähler William nichts anderes sein, als wunderwunderschön …

Deshalb verzeiht man ihm auch großherzig den texanischen Schauspieler-Macho, der er ist, zudem er offenherzig und reumütig von seinen kleinen Vergehen berichtet. Daß es mit den beiden trotzdem nicht klappt, ist zwar schade, macht aber nichts. Liegt der Genuß der Lektüre doch gerade darin, mit »Ethan-William« und Sarah noch einmal die magische Zeit der ersten Liebe zu durchleben – hin- und hergerissen zwischen fiebriger Erwartung, Momenten von unvergleichlicher Zartheit, dem heftigsten Schmerz und vor allem dem erhebenden Gefühl in der Magengegend, dies alles glücklicherweise hinter sich zu haben bzw. für den Moment wenigstens nur lesen zu müssen. Und außerdem: Was will man von Ethan Hawke denn schon mehr, außer einer Liebesgeschichte …

Gerrit Helmke

Hawke: Hin & Weg

Bestellen

Radek Knapp: Herrn Kukas Empfehlungen.

Roman. Piper, geb., 251 Seiten, 38,– DM.

Waldemar heißt der junge Held des Romans. Wie der Autor ist er aus Warschau und begierig darauf zu erfahren, was es auf sich hat mit dem goldenen Westen. Ausgerüstet mit den etwas alkoholisierten Empfehlungen und Weisheiten des alten Herrn Kuka und einem Rucksack voller Thunfischdosen findet er sich auf dem Warschauer Busbahnhof ein, um gen Wien zu reisen. Im Reisebus voller Zigaretten- und Wodkaschmuggler ist er der einzige Tourist, und als er Wien erreicht, hat er bereits die ersten Abenteuer mit Zoll und Mitreisenden hinter sich. Außerdem hat es ihm das einzige weibliche Wesen an Bord angetan. Vor ihm liegt eine aufregende Zeit …

Lakonisch, voller Witz und mit Gespür für die Situation erzählt der jetzt in Wien lebende Radek Knapp sein zweites Buch. Für sein Debüt »Franio« erhielt er 1994 den »Aspekte«-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Erstlingswerk des Jahres. Noch vor dem Erscheinen im September küre ich »Herrn Kukas Empfehlungen« bereits jetzt zu einem der wichtigsten und schönsten Bücher des laufenden Jahres.

P.S.: Wer Radek Knapp selbst hören möchte oder sich für seine abenteuerlich klingenden Vita interessiert, sollte sich den 19. November vormerken. Radek Knapp ist dann unser Gast und wird »Herrn Kukas Empfehlungen« selbst vortragen.

Peter Hinke

Knapp: Empfehlungen

Bestellen

Taschenbuch für 16,90 DM bestellen

Günter de Bruyn: Buridans Esel.

Roman. Fischer Taschenbuch, 220 S., 14,90 DM.

Er ist Bibliothekar in Berlin. Sie eins ist seine Ehefrau, Mutter seiner zwei Kinder und zu Hause, weil Er sich Familienleben schon immer so vorgestellt hat. Sie zwei ist zwanzig Jahre jünger als Er, gerade in der Hauptstadt eingetroffen und dabei, ein Praktikum in der Bibliothek zu absolvieren, in der auch Er arbeitet. Und eines morgens weiß Er, daß etwas anders ist: mit einem Lächeln im Gesicht wacht er auf …

Doch was nun? Was anfangen mit Haus, Garten, Auto, Frau und Kindern, mit all dem eingeschlafenen Glück? Ein Neuanfang? Und die Moral?

So überlegt Er sich – im Gegensatz zu dem Esel des französischen Philosophen Buridan, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert ist, weil er sich nicht für einen entscheiden konnte – erstmal von beiden Heuhaufen zu kosten. Mit Option. Zwischenzeitlich kämpft Er mit schmuddeligen Berliner Mietshäusern, skurrilen Nachbarn, liebgewonnenen Gewohnheiten, den lieben Kollegen und einer neuen Situation. Zu Hilfe kommt Ihm dabei, daß Er so aufrichtig unehrlich zu sich selber sein kann.

Und die Moral von der Geschicht’: auch Ehefrauen sind widerstandsfähig, lernfähig und haben ein zweites Gesicht!

Irina Kramp

de Bruyn: Buridans Esel

Bestellen

Michael Marshall Smith: R.E.M.

Roman. Rowohlt , 432 Seiten, 42,– DM.

Stellen Sie sich vor, es wäre möglich, unangenehme und wiederkehrende Träume für immer von der internen Festplatte zu löschen: Mittels einer obskuren Firma namens R.E.M.-Jobs und eines kleinen Senders auf dem Nachttisch werden die Träume in ein fremdes Hirn übertragen. Natürlich nur gegen Bezahlung. So ein Hirn besitzt Hap Thompson. Nacht für Nacht verarbeitet er anderer Leute Nachtramsch im Schlaf. Viel lukrativer, aber auch gefährlicher ist jedoch die zeitweise Übernahme fremder Erinnerungen. Da kann es schon mal passieren, dass man, ohne einen Finger zu krümmen, über Nacht zum Mörder wird und sich plötzlich inmitten eines weitreichenden Mord- und Erpressungskomplotts wiederfindet. Viel Arbeit für den lässig-schnoddrigen Thompson, den man sich getrost als eine äusserst gekonnte Mischung aus Bruce Willis und Chandlers Philip Marlowe vorstellen kann. Zudem besitzt er die nicht ganz unwichtige Gabe, diverse intelligente Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen, Toaster und unter mangelndem Selbstwertgefühl leidende Wecker für sich einzunehmen …

R.E.M. ist ein erstklassiger Thriller, der neben garantierter Spannung und komischen Wendungen jede Menge tiefe Einsichten bietet. Sogar der Allmächtige höchstselbst hat ein paar Worte mitzureden.

sasa

Smith: R.E.M.

Bestellen

Taschenbuch für 19,90 DM bestellen

Luise Endlich: NeuLand.

Ganz einfache Geschichten. Transit, 184 Seiten, gebunden, 34,– DM.

Lange hat kein Buch solch hohe Wogen geschlagen. Die Geschichte der Luise Endlich, die mit ihrem Mann von West- nach Oststadt zieht und gleich einer Feldforscherin über Riten und Gebräuche im Land an der Oder berichtet, spaltet die Nation.

Bereits mehrfach als vergriffen gemeldet und vom Verlag als gesamtdeutsches Vergnügen bejubelt, zieht das im leicht lesbaren Plauderton gehaltene Werk seine Kreise.

Ist »NeuLand« ernst gemeint, ist es eine Satire? Gibt es diese Luise Endlich überhaupt? Auch wir haben uns unsere Gedanken gemacht, und hier folgt das Ergebnis:

Offener Brief 1

Liebe Frau Endlich,

wie Sie wissen, ist das Leben an sich dazu geneigt, uns einige Hürden in den Weg zu stellen. Sollten wir hinter diesem Vorgehen jedoch ein Drangsal übler Machart vermuten, so tun wir ihm Unrecht, denn sie verlängern zeitlich den Weg zum Ende. Rein theoretisch.

Fünf Tage währender unregelmäßiger Stuhlgang, Preßlufthämmer ab sechs Uhr früh, nichtzahlende Autounfallverschulder, das Ladenschlußgesetz, 50,– DM Gebühr für dreißig Kilometer Autobahn in Tschechien, und mein Chef gibt mir ihr Buch in die Hand. »Lesen und Rezi schreiben.« Das zum Thema Hürden.

Ich habe es gelesen, und nun sitze ich seit drei Wochen in meiner von Kerzenlicht erhellten Küche, rauche zuviel, trinke trockenen Rotwein und bin in Gedanken bei dem, was Sie aufgeschrieben haben, allein es fehlt an der Kerze im Kopf.

Und dann grübele ich weiter, und dann fällt mir bei Transit immer gleichnamige Combo aus vergangenen Zeiten ein. Die sangen so schwarze Balladen über längst vergangene Zeiten von Störtebecker und Bernsteinhexen.

Und dann das Buchcover: Spiegelglatte Straße – zum Bremsen gibt es nur Bäume – vielleicht kriegt man vorn rechts die Kurve.

Frau Endlich, ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Als Ostdeutscher. Wir sind so. Leider.

Wir waren und sind alle bei der Staatsicherheit. Wir kennen keinen Champagner. Wenn wir Feierabend haben, brechen wir mitten im Satz ab. Wir sind vom Prinzip her unpünktlich. In unserer Hummersuppe schwimmt Rindfleisch. In der SED waren noch mehr als bei der Stasi. Deren Kinder sind alle Neonazis und wählen PDS. Wir schätzen die Segnungen des Raclette-Grills falsch ein. Wir entsorgen unseren Müll im Straßengraben. CDs gibts nur nach wochenlanger Vorbestellung usw., Oststadt halt. Faul sind hier noch mehr als bei SED und Stasi zusammen waren.

Ja, so sind wir nunmal. Nur, Frau Endlich, dies können sie unmöglich alles in dem einen Jahr, welches sie bei uns weilten, erkannt haben. Meine Vermutung ist hingegen, daß sie sich mit einem Sack voller unbestätigter Ost-Vorurteile vor die Schreibmaschine setzten, um uns als dummdreiste, arbeitslose, gefrustete, pseudophysiotherapeutische Wenn-mein-Mann-wieder-mal-wegen-Unfähigkeit-das-Krankenhaus-wechseln-muß- ziehe-ich-mit-Arztgattin mal so richtig vor die Füße zu spucken.

Gelungen, Frau Endlich, gelungen. Ich hoffe, sie können in Weststadt bald wieder feste Nahrung zu sich nehmen.

Moment, Frau Endlich, mit einem haben sie sich aber wirklich vertan. Ich bin zwar auch aus der »Zone«, aber eigentlich bin ich wie Sie. Glauben Sie im Ernst, ein Sachse wie ich käme jemals auf die Idee, freiwillig nach Frankfurt an der Oder zu ziehen?

So blöd sind wir nun auch wieder nicht.

Falls ihr Buch demnächst wieder einmal vergriffen ist, empfehle ich für die Nachauflage folgende Änderung:

Titel: Altland. Schwierige Geschichten aus dem Hirn von Luise Endlich. Betrifft nicht Leipzig.

Danke und schönen Tag noch.

ron

Offener Brief 2

Liebes Autorenkollektiv Brussig, Sonneborn, Droste,

das habt ihr euch fein ausgedacht. Sitzt in euerm Kämmerlein, raucht genüßlich ’ne Tüte, trinkt ’n paar Bier, und weil grade nichts anliegt und euch das ganze Ossi/Wessi-Gewese sowieso auf den Sack geht, ihr aber nicht nach eurer Meinung gefragt werdet, schreibt ihr »NeuLand«. Nennt die Protagonistin Arztgattin Hitzig, knallt auf jede Doppelseite mindestens vier Ost-Klischees und denkt, das merkt keiner.

Zugegeben. Es hat eine Weile gedauert, bis wir dahinter kamen. Aber jetzt, wo wir wissen, daß dies aus euern von Drogen umnebelten Köpfen quoll, müssen wir euch zu einer Rückholaktion zwingen.

Über dieses Buch lacht kaum ein Ossi. Das hattet ihr aber nicht geplant. Geplant war, den Wessis den Spiegel vorzuhalten. Stattdessen kaufen die euer Teil und lecken sich ihre Busch-Wunden. Ihr habt für sie eine Art Ost-Kotz-Bibel geschrieben.

Danke, Jungs.

Aufhören mit Saufen, wir bitten um Wandlung.

ron

Endlich: NeuLand

Bestellen

Taschenbuch für 14,90 DM bestellen


Juni 1999

John Berger: Auf dem Weg zur Hochzeit.

Fischer Taschenbuch. 215 Seiten 16,90 DM.

Diese Hochzeit wird ein großes Fest werden.

Gino wird Ninon heiraten, und damit werden sie Ninons Krankheit trotzen. So erzählt es der blinde Grieche. Und er sieht die Gäste den langen Weg zur Hochzeit nehmen, der länger ist als Ninons Leben: Der französische Vater kommt über die Alpen mit dem Motorrad, die slowakische Mutter über Venedig mit dem Bus. Ginos Vater ist Italiener, und gefeiert wird am Meer.

»Ein wahrlich europäisches Buch«, müßte man befürchten, würde der englische Autor seine Figuren nicht so selbstverständlich von ihren unterschiedlichen Erfahrungen sprechen lassen, und würde er nicht ihre Erinnerungen in ein dichtes Netz weben, das nichts anderes ist als Ninons Vergangenheit. Nur wer lebt, kann sterben.

John Berger hat einen poetischen Roman geschrieben, der Optimismus nicht als Sieg über, sondern als Leben mit dem Tod begreift. Ihm gelingt es, Atmosphären zu schaffen. Ein Abend in einer Athener Bar wird bei ihm genauso glaubwürdig wie ein grauer Morgen in Bratislava. Ninons Kampf gegen die Krankheit ist ein vorsichtiges Taktieren mit den noch verbleibenden Möglichkeiten zum Lieben. Am Ende gibt es zwar keine Illusionen mehr, aber ein großes Fest. Und alle sind eingeladen: die Erinnerung, die Gegenwart und das zu erwartende Leiden.

Arnim Petras vom Schauspiel Leipzig hat aus dem behutsamen Prosatext ein sehenswertes Stück Theater gemacht.

Im August erscheint bei Hanser das neue Buch von John Berger: »King«.

Anett Schwarz

Berger: Hochzeit

Bestellen

Rafael Chirbes: Die schöne Schrift.

Roman. Antje Kunstmann, 143 S., geb., 29,80 DM.

Nach »Der lange Marsch« ist nun (wieder) im Antje Kunstmann Verlag ein neuer Chirbes in deutscher Übersetzung erschienen. Weniger umfangreich als sein Vorgänger, aber von ebenso eigentümlichem Reiz und packender Poetik. Rafael Chirbes gelingt es, mit unprätentiösen Worten einen Sog zu erzeugen, der den Leser von der ersten Seite an gefangen hält.

Es sind Aufzeichnungen einer alten Frau für ihren Sohn. Ana erzählt von ihrem Leben, den Entbehrungen während und nach dem spanischen Bürgerkrieg, dem wenigen Glück, der rauhen Liebe zu ihrem Mann und von Hoffnung und Enttäuschung. Sie ist eine einfache Frau, und mit einfachen Worten beschwört sie ihre Erinnerungen, die für sie wieder lebendig werden und eine bedeutendere Rolle erhalten als die Realität. Bis auf die »Mis«, die Frau mit der schönen Schrift, hat sie alle überlebt. In der Einsamkeit eines gelebten Lebens teilt niemand die Vergangenheit mit ihr. Also ist sie das erste Mal gezwungen, über sich selbst zu sprechen. Rückblickend ohne Reue und Sentimentalitäten überschaut Ana die Ereignisse ihres Lebens und deren zwingende Folge, fragt nach Ursachen und forscht nach Gründen.

Lautlos und unspektakulär sind Chirbes’ Romanfiguren, bestechend in ihrer Authentizität. Sie drängen sich nicht in den Vordergrund, aber wenn sie von sich erzählen sind sie schonungslos ehrlich und zutiefst menschlich.

Weiterhin sind erschienen von Rafael Chirbes im Wagenbach Verlag »Mimoun« und bei Fischer »Der Schuß des Jägers«.

TIP: unbedingt lesenswert.

Angela Straube

Chirbes: Schöne Schrift

Bestellen

Taschenbuch für 15,– DM bestellen

Viva MTV! Popmusik im Fernsehen.

edition suhrkamp, 1999, 352 S., DM 24,80.

Als MTV 1981 in den USA auf Sendung ging, gab kaum jemand dem Projekt eine lange Überlebenschance. Wie die Geschichte endete, wissen wir. Nichts sollte das öffentliche Erscheinungsbild von Popmusik so dauerhaft dominieren wie die von MTV 24 Stunden am Tag ausgestrahlten Videoclips. MTV wurde – nicht zuletzt dank lokaler Ableger – zum weltweit beachteten und anerkannten Trendsetter. Als VIVA 1993 in Deutschland auf Sendung ging, gab kaum jemand dem Projekt eine lange Überlebenschance. Wie die Geschichte endete …

Mehr als 15 Jahre Erfahrung mit dem Medium Musikfernsehen erlauben nun eine genauere und distanziertere Analyse. Um es vorwegzunehmen, diese Analyse liefert das Buch sehr gut und auf für deutsche Verhältnisse ungewohnte Art. Den Autoren ist es gelungen, genau jene Balance zwischen fachwissenschaftlichem und allgemeinverständlichem Text zu halten, die man eigentlich nur von anglo-amerikanischen cultural-studies-Texten gewohnt ist. Die Analyse widmet sich den verschiedensten Aspekten von Musikfernsehen und reicht von der zeichentheoretischen Analyse von Videos über die Geschichte von MTV und VIVA und einer Zuschaueranalyse bis zur Sequenzanalyse einzelner Videos. Das Vorwort bietet eine fast komplette Literaturliste zum Thema.

Insgesamt ein gelungener Sammelband und eine sehr gute Arbeit der Herausgeber, ein Buch, von dem ich mir eine Fortsetzung nur wünschen kann.

jz

Viva MTV!

Bestellen

Dea Birkett: Schlange im Paradies.

Reportage. Knaus, 414 S., gebunden, 39,90 DM.

Daß es die Meuterer von der »Bounty« wirklich gab, ist allgemein bekannt. Aber daß sie sich nicht auf Tahiti, sondern auf Pitcairn Island versteckten, wußten nur Insider. Dieses Pitcairn Island ist eine gottverlassene Insel irgendwo im südlichen Pazifik, tausende Kilometer weg vom Schuß und so groß wie der Hyde Park in London. Dort leben heute achtunddreißig direkte Nachfahren der legendären Männer von der »Bounty« und ihrer Frauen aus Tahiti. Dea Birkett konnte sie dort als eine der wenigen »Ausländer«, die die Insel betreten dürfen, besuchen. Soweit zum interessanten Hintergrund dieses Buches. Und es hätte auch ein sehr interessantes werden können. Ist es aber nur bedingt. Das liegt zum einen am Stoff selbst, der durch seine überaus legendäre Vorgeschichte verschluckt wird. Zum zweiten am Leser, der an ein friedliches Schlaraffenland denkt und schnell merkt: »Die leben ja wie wir«. Und letztens liegt es an der Autorin selbst, die sich mit ihrem langatmigen, detailverliebten (hier negativ gemeint) Erzählstil verzettelt. Kostproben: »Die roten Schlammpfade waren schlüpfrig und klebrig zugleich.« oder »Um drei Uhr morgens landeten wir wieder auf Pitcairn, wo uns die Hunde und die Insulaner mit heißen Getränken und warmen Decken begrüßten.« Vermutlich schwanzwedelnd.

Naja.

ron

Birkett: Schlange

Bestellen

Taschenbuch für 20,– DM bestellen

Jens O. Haas: 101 Gründe, ohne Frauen zu leben.

Lustiges Sachbuch. Rake, 119 Seiten, 16,90 DM.

Natürlich ist das ein Frauenbuch. Denn welche Frau weiß schon, was ihr Mann denkt, wenn er statt eines saftigen Steaks einen Gemüseauflauf vorgesetzt bekommt. Oder wie es in ihm aussieht, wenn er, den Familienfrieden rettend, statt eines spannenden Zweitligaspieles die dreißigste Wiederholung von »Pretty Woman« ertragen muß. Steht alles in diesem Buch. Und neunundneunzig andere Gründe.

Ich verspreche Ihnen, daß Sie sich (Männlein wie Weiblein) bei der Lektüre dieses Buches köstlich amüsieren werden. Es ist der Hit dieses Sommers. Sollte es Frauen geben, die trotzdem nicht darüber lachen können: Im September erscheint »101 Gründe, ohne Männer zu leben«.

Aber vermutlich ist das dann ein Männerbuch.

Extraklasse.

ron

Haas: 101 Gründe

Bestellen

Taschenbuch für 14,90 DM bestellen


Mai 1999

Juan Manuel de Prada: Trügerisches Licht der Nacht.

Roman. Klett-Cotta, 390 Seiten, gebunden, 42,– DM.

Die Liebe zur Kunst, die Liebe zu einer Frau, ein unaufgeklärter Mord und die morbide Kulisse Venedigs sind die wichtigen Begebenheiten, zwischen denen sich die Handlungen in diesem äußerst spannenden Buch entfalten.

Alejandro Ballesteros tritt eine nüchterne Studienreise nach Venedig an, um das Rätsel, welches sich um das Bild »La tempesta« von Giorgione rankt, zu lösen. Seine gesamte akademische Laufbahn hatte er diesem Bild gewidmet, hatte die Demütigungen und erniedrigenden Vertraulichkeiten seines Doktorvaters ertragen, nur um eine zufriedenstellende Interpretation zu liefern und einen ebenso zufriedenstellenden Posten im universitären Räderwerk zu erlangen. In Venedig angekommen, wird er Zeuge des Mordes an einem der sensationellsten Kunstfälscher Italiens. Ballesteros gerät, zunächst unabsichtlich, in ein Geflecht von Täuschungen, Lügen und Betrug: Die Wahrheit hängt ab von dem, der sie formuliert. Er muß sich von dem Verdacht, den Mord selbst begangen zu haben, befreien – und eigentlich könnten seine kriminalistischen Aktivitäten hier enden, um sich seinem ursprünglichen Vorhaben zu widmen. Aber da ist Chiara, die geheimnisvoll schöne Tochter des Museumsdirektors und der Tote, der in enger Verbindung zu ihr steht.

Die beklemmende Atmosphäre Venedigs durchdringt Bewohner und Besucher in gleichem Maße, hebt das Zeitgefühl auf und verändert die Wahrnehmung. Der Schatten Venedigs lastet auf allem – in ihm spiegeln sich die zerissene Gestalten des Romans, die getrieben von undurchsichtigen Mächten auf der Suche nach dem Traum aller Menschen sind, ihn aber gleichwohl nicht erreichen, da in ihnen das eigene Scheitern schon voraus eilt.

Angela Straube

de Prada: trügerisches Licht

Bestellen

Taschenbuch für 18,50 DM bestellen

Cathleen Schine: Darwins Launen.

Hanser, 241 Seiten gebunden, 34,– DM

Janes Ehe scheitert, und ihrer Mutter fällt nichts besseres ein, als sie zur Abwechslung auf die Galapagosinseln zu schicken. Daß Jane dort auf ihre einstige Busenfreundin und entfernte Verwandte Martha als Reiseleiterin ihrer Touristengruppe trifft, ist purer Zufall. Doch dadurch wird die Reise für Jane zu einer Forschungsreise zweifacher Art. Nicht nur Darwins Artenvielfalt gilt es zu erkunden, sondern auch die Ursache dafür, daß Martha vor vielen Jahren plötzlich aber stillschweigend ihre lange Freundschaft beendet hat. Ob der Grund dafür tatsächlich bei der alten Familienfehde liegt, die sie bislang nie berührt hatte? Auf wunderliche Weise versucht Jane mit Hilfe von Darwins Artenlehre den Ursprung der Freundschaft und das Phänomen der zwischenmenschlichen Beziehung näher zu beleuchten. Zwar kommt es nicht zur direkten Konfliktlösung, doch zu vielen witzigen und geistreichen Erkenntnissen.

Vor dem mystischen Hintergrund der Lavalandschaft der Galapagosinseln und begleitet von einem wahren Panoptikum an Reisegruppe entspinnt Cathleen Schine eine sowohl humorvolle als auch eindringliche Geschichte. Eine wunderschöne Variante eines Reiseromans von einer, die auszieht, um sich selbst zu finden.

Gerrit Helmke

Schine: Darwins Launen

Bestellen

Thomas Blees: 90 Minuten Klassenkampf – Das Länderspiel BRD – DDR 1974

Bericht. Fischer, 150 Seiten, Taschenbuch, 16,90 DM

In der Wochenzeitung »Jungle World« gibt es die Rubrik: »Wo waren sie beim Sparwasser-Tor?«. Dort darf dann immer ein mehr oder weniger im öffentlichen Leben stehender Mensch erzählen, was er denn tat an jenem 22. Juni 1974. Da die Jungs sicherlich nie auf die Idee kommen, einmal mich zu fragen ...

Trotz meines zarten Alters von sieben Jahren kann ich mich noch genau an diesen Abend erinnern. Als Siebenjähriger mußte man nämlich nach dem Sandmännchen ins Bett. Das war 19.00 Uhr. Um meine Fußball-Leidenschaft wissend, hatten meine Eltern zähneknirschend und geradezu sensationell das Aufbleiben bis zum Ende der ersten Halbzeit (20.15 Uhr!) verlängert. Von der weiß ich nicht mehr viel. Sicherlich dachte ich permanent über eine Argumentationslinie nach, mit deren Hilfe ich meinen Eltern ein Zugeständnis in Bezug auf die 2. Hälfte abringen konnte. Der Schiedsrichter pfiff pünktlich zur Pause; ich mußte sofort ins Bett. Soweit zum Thema Argumentationslinie …

Natürlich konnte ich bei einem so wichtigen Spiel nicht ins Bett gehen. Zum Glück hatten die Erbauer unseres Mietshauses eine Heizungsklappe zwischen Wohn- und Kinderzimmer vorgesehen und auch eingebaut(!). War diese geöffnet, konnte man Fußballspiele in prima Audio-Qualität verfolgen, was ich natürlich an diesem Abend tat. Das war zwar nicht dasselbe, als säße ich zwei Meter weiter, aber ich war dabei. Auch wenn es etwas unbequem war. Die Klappe war in 1,5 Metern Höhe. Ich mußte die ganze Zeit stehen.

Die Geschichte wiederholte sich (ich glaube) bei Brasilien gegen die Niederlande, als ich Mittagsschlaf (?) halten sollte … Und dann plötzlich großer Jubel – das »Sparwasser-Tor.

Ich habe das Tor dann später oft gesehen. So schön wie vor der Ofenklappe, »sah« ich es nie wieder.

Alles was man nicht mehr weiß über dieses einzige Länderspiel der beiden deutschen Staaten oder bis jetzt nicht wissen konnte, steht in diesem ausgezeichnet recherchierten Buch, welches sowohl ins Sportregal als auch in das für deutsch-deutsche Beziehungen gehört.

ron

Blees: 90 Minuten Klassenkampf

Bestellen

Benno Pludra: Die Reise nach Sundevit.

Erzählung. Kinderbuchverlag, gebunden, 127 Seiten, 16,80 DM. Ab 10 Jahre.

Timm, der Sohn des Leuchtturmwärters, langweilt sich. Es sind Sommerferien, und alle sind vereist. Seine Familie fährt wegen Vaters Arbeit nicht in den Urlaub. Doch eines Tages trifft er auf einem seiner zahlreichen Strandausflüge eine Gruppe Kinder mit ihren Zelten. Endlich Abwechslung. Wie groß ist die Freude, als »der Anführer« Addi ihm anbietet, ihn mit auf die Reise nach Sundevit zu nehmen. Sundevit ist gar nicht so weit weg und doch bisher unereichbar gewesen für Timm.

Die Erlaubnis der Eltern bekommt er schnell. Also nur noch packen? Doch Schlosser Bradenkuhl hat seine Brille am Leuchtturm liegenlassen. Ohne sie ist er aufgeschmissen. Timm bietet sich an, sie ihm nach Trempin zu bringen. »Sieben Kilometer hin, sieben zurück. Mit dem Fahrrad schaff ich das.«, denkt Timm. Also los.

Das dies nicht der einzige Auftrag bleibt, den Timm bis zur Abreise um die Mittagszeit zu erledigen hat, kann er da noch nicht wissen. Und auch nicht, das es ziemlich knapp wird mit der Zeit.

Aber lest selbst. Euch erwartet eine spannende, humorvolle und zuweilen traurige Geschichte um einen Jungen, der vor lauter Höflichkeit beinahe sein eigenes Glück verpaßt.

ron

Pludra: Sundevit

Bestellen


März 1999

Lion Feuchtwanger: GOYA oder Der arge Weg der Erkenntnis

Aufbau Taschenbuch Verlag, 597 Seiten, 19,90 DM.

»Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts war fast überall in Westeuropa das Mittelalter ausgetilgt. Auf der Iberischen Halbinsel ... dauert es fort.« So beginnt Feuchtwangers spannender biographischer Roman über den spanischen Maler Francisco de Goya y Lucientes, dem der Aufstieg vom ehemaligen Bauernsohn aus Fuendetodos zum vielbegehrten Hofmaler Carlos’ IV gelingt.

Der zunächst noch gefällige Porträts in traditioneller Manier malende Goya erhält Zutritt zu den höchsten adeligen Kreisen und beginnt eine ebenso leidenschaftliche wie zerstörerische Affäre mit der Herzogin Cayetana de Alba, die einem der ältesten und einflußreichsten Adelsgeschlechter des Landes angehört. Als ein auf seinen Vorteil bedachter Emporkömmling erlaubt ihm seine exponierte Stellung, auf die politischen Geschicke des Staates einzuwirken. Er verwickelt sich immer tiefer in die Intrigen und Machtdemonstrationen bei Hofe und zieht sich schließlich resigniert ins Privatleben zurück, um sich ausschließlich seiner Kunst zu widmen. Doch der brummig-gutmütige Gehilfe Augustin verurteilt Goyas apolitische Haltung und seine Flucht in den Ästhetizismus, denn während sich im Nachbarland Frankreich liberale Kräfte formieren, verharrt Spanien in den verkrusteten, stark katholisch geprägten Strukturen eines Feudalstaates.

Plötzlich sieht sich Goya vor der immer noch mit Schrecken wütenden Inquisition zu einer Stellungnahme gezwungen, und malt vor dem Hintergrund dieser fundamentalen Erfahrung fünf Bilder, die in Stil und Aussage völlig neu sind. Die fortschrittlichen Freunde erkennen die ureigene Macht des Malers, die in diesen gefährlichen Bildern steckt – das Idioma Universale.

Doch der Erste Hofmaler bleibt weiter seinen adeligen Gönnern verpflichtet, obwohl seine Bilder jene mit spürbarer Ironie belegen. Seine Beziehung zu der für ihn sozial unerreichbaren Cayetana, die gleichzeitig unentbehrliches Sexualobjekt und Zielscheibe wüster Verwünschungen ist, kulminiert, als sie ein Porträt von sich, das sie in die Nähe einer Hexe rückt, zerstört. Goya, der dabei einen Gehörsturz erleidet, lebt fortan als tauber Krüppel. Aber nun schafft er seine ungewöhnlich ausdrucksstarken Motive der »Los Caprichos« und »Los Desastres de la Guerra«, in denen er radikal gesellschaftliche und politische Verhältnisse anprangert.

Feuchtwangers mit viel Einfühlungsvermögen und psychologischem Gespür geschriebener Roman ist ein Lektüregenuß der besonderen Art. Vor der lebendigen Kulisse des Spanien des 18. Jahrhunderts taucht der Leser in Abgründe und Utopien einer vergangenen Zeit und erkundet die facettenreiche Figur eines Malers zwischen Genie und Wahnsinn.

Angela Straube

Feuchtwanger: Goya

Bestellen

David Guterson: Östlich der Berge

Berlin Verlag, 324 Seiten, gebunden, 39,80 DM.

Nach dem großen Erfolg von »Schnee der auf Zedern fällt« ist nach zweieinhalbjähriger Wartezeit nunmehr ein zweiter Roman David Gutersons auf dem Buchmarkt erschienen.

Dr. Ben Givens, ein pensionierter und zudem an Darmkrebs erkrankter Herzchirurg ist Protagonist des neuen Werks. Aus Furcht vor einer langen schmerzvollen Krankheitsphase, die er sowohl sich als auch seiner Tochter ersparen möchte, weiht Ben den Leser gleich zu Beginn der Handlung in seine Selbstmordpläne ein. Getarnt werden soll jenes Vorhaben als Jagdunfall in den Salbeiwüsten seiner Heimat, wohin er sich alsbald auf die Reise macht.

Doch verläuft jenes Unternehmen alles andere als geplant: ein Autounfall scheint Bens Pläne zunächst völlig zu durchkreuzen, läßt ihn letztendlich auf seine alten Tage per Anhalter fahren und eine neue Generation von Menschen kennenlernen – eine sehr zeitgeistige Generation von alternativen Bergsteigerpärchen, jointrauchenden Tramps, den Fesseln der Ehe abschwörenden Fernfahrern, auf den Spuren der Anthroposophie Steiners wandelnden Hippiestudentinnen, illegalen mexikanischen Wanderarbeitern usw. Zwar ist es Givens (zum Glück…) nicht möglich, sich mit jenen Individuen zu identifizieren, doch bietet der liebevolle und tolerante Blick des Autors die Gelegenheit, in Ben Erinnerungen wachzurufen, die ihn zu dem Entschluß führen, den Mut für einen unbestimmten und schweren Lebensabend aufzubringen.

Auf der Grundlage jener eher schmalen Rahmenhandlung entspinnt sich eine runde Geschichte lyrischer Art, die den Einblick nicht nur in eine große Liebes- und Lebensgeschichte gewährt, sondern zudem einen aus der Literatur bislang weniger bekannten Blick auf den Staat Washington und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten eröffnet. Wie in seinem Vorgängerroman besticht Guterson durch stimmungsvolle Landschaftsbeschreibungen, welche die Handlung deuten und tragen und durch fachkundige Recherchen, die für Glaubhaftigkeit zeugen.

Schade, daß es Guterson dennoch nicht gelungen ist, einen zweiten derart vielschichtigen Roman wie »Schnee, der auf Zedern fällt« zu verfassen – überwiegt in seinem neuen Werk doch eindeutig eine positiv-lyrische Stimmung, in der ein kurzer Rückblick in die Kriegserfahrungen des Protagonisten eher als störend erscheint und den Verdacht des Kitsches und der Klischeehaftigkeit laut werden läßt. Dennoch ein durchaus empfehlenswertes Buch…

Gerrit Helmke

Guterson: Berge

Bestellen

David Sedaris: Nackt.

Haffmans Verlag Zürich, 352 Seiten, geb, 39,– DM.

Beim Lesen der siebzehn skurrilen Stories, aus denen »Nackt« besteht, wünscht man sich ab & an sehnlichst, daß es sich doch bitte um nichts anderes als um vollkommen an den Haaren herbeigezogene Lügengeschichten handele. Als ob er dies vorhergesehen hat, weist der Autor denn auch in einer Vorbemerkung ausdrücklich auf die Authentizität seiner autobiographischen Geschichten hin. Die schönsten erzählen vom Aufwachsen in der nordamerikanischen Peripherie (Raleigh, North Carolina), von debilen Großmüttern (namens Ya Ya!), unvergesslichen Ferienlagererlebnissen und Familienausflügen oder diversen Tramp- und Drogenerfahrungen – der ganz normale Wahnsinn des Alltags eben. Sie beginnen mit Sätzen wie: »Als junger Mensch hat mein Vater seinem besten Freund mit einem Luftgewehr ein Auge ausgeschossen.«, oder »Es ist beunruhigend, mit jemanden zu telefonieren, von dem man weiß, daß er nackt ist.«

Sedaris erzählt mit der schrägen Melancholie eines Stehaufmännchens von immer neuen Katastrophen, deren Meisterung zumindest Respekt abverlangt. Meist bleibt aber ein Gesichtsausdruck, von dem unklar ist, ob er Schmerz oder Freude bedeuten soll. Klar hingegen ist, daß dieses Buch zu den witzigsten und wirklich weniger langweiligen Neuheiten in diesem Bücherfrühling gehört, was wohl auch an der wunderbaren Übersetzung von Harry Rowohlt liegt.

sasa

Sedaris: Nackt

Bestellen

Taschenbuch für 18,– DM bestellen

Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone.

Roman. Wagenbach Verlag, 154 Seiten, gebunden, 32,– DM.

Der »Held« in Houellebecqs erstem Roman ist ein Informatiker, der für eine Pariser Software-Firma arbeitet. Das klingt noch nicht sonderlich aufregend, sehe der junge Mann die Welt nicht in ihrer ganzen Hoffnungslosigkeit. »Auch Sie haben sich für die Welt interessiert. Das ist lange her …« Er kämpft nicht mehr. Stattdessen betrachtet er das Rauchen von vier Schachteln Zigaretten täglich als »sein einziges Projekt«, seine sozialen Kontakte beschränken sich auf seine Arbeit, angerufen wird er nur, wenn sich jemand verwählt hat, die Post: Sommer- und Winterkataloge. Und trotzdem versucht er die Regeln einzuhalten: »Ihre Rechnungen zahlen Sie pünktlich. Sie verlassen das Haus nie ohne Personalausweis. Dennoch haben Sie keine Freunde. Einkäufe müssen getätigt, Geld aus Geldautomaten gezogen werden. Trotzdem bleibt freie Zeit. Und Sie haben immer noch keine Lust zu sterben.«

In Frankreich zum Kultbuch avanciert, ist der Roman ein Abgesang auf eine Gesellschaft, in der außer Karriere und den um die Liebe reduzierten erotischen Bedürfnissen nichts gilt.

Nichts für Nebenbeileser!

Ronald Schubert

Houellebecq: Kampfzone

Bestellen

Taschenbuch für 14,90 DM bestellen


Januar 1999

Judith Hermann: Sommerhaus, später.

Erzählungen. S. Fischer, 187 Seiten, Broschur, 20,– DM.

»Das Spiel heißt, sich so ein Leben vorstellen« beginnt Judith Herman eine ihrer Erzählungen, und fast alle ihre Geschichten handeln von Gelegenheiten: einer Liebe in der Karibik, einer Zukunft mit Sonja in Berlin, einem Ende der Einsamkeit für Thompson in New York, dem endlich gefundenen Sommerhaus. Doch am Ende haben ihre Helden die Chance vertan: Christine kehrt nach Europa zurück, Sonja verläßt Berlin, Thompson bleibt allein zurück und das Sommerhaus brennt ab.

Es sind traurige Geschichten, die Judith Hermann aufgeschrieben hat, und trotzdem kann man nicht genug von ihnen bekommen. Sie erzählen vom Verlust, von Verdrängung, von ungelebten Träumen; von Momenten, in denen man sein Leben ändern könnte, die aber schon vorbei sind, wenn man sie als solche erkannt hat. Die gelassene Sprache, in der die Autorin erzählt, tröstet über den Verlust hinweg. Das Leben geht weiter, auch wenn es um eine Möglichkeit ärmer geworden ist. Das Spiel beginnt von Neuem: »sich so ein Leben vorstellen.«

Anett Schwarz

Hermann: Sommerhaus

Bestellen

Taschenbuch für 14,90 DM bestellen

Hella Eckert: HANOMAG.

Roman. Luchterhand, 190 Seiten, gebunden, 29,80 DM.

Über einen Zeitraum von etwa 10 Jahren beschreibt die 17jährige Rita das Zusammenleben mit ihren Eltern. Rita fungiert dabei als eine Art Sensor, der jede kleinste Stimmungsschwankung registriert und dafür äußere Umstände als Ursachen benennt. Zwischen Ritas Eltern scheint es keine Probleme zu geben, sie haben sich in der Welt umgesehen, ein wenig studiert und eine Tochter bekommen. Dank eines alten Hanomags ist die Mischung aus Liebe und Symbiose perfekt: Freiheit, Ernährungsgrundlage und Zuhause sind gesichert.

Als schließlich die Zeiten härter werden, kommt der eigene Haushalt auf den Hanomag und es geht Richtung Norden, wo das Transport- und Containergeschäft blühen soll. Doch hier weht der Wind härter und kälter, langsam aber sicher gibt die kleine Familie ihren gemeinsamen Kurs auf, die Rollen werden getauscht und Rita beschließt fortzugehen, um erwachsen zu werden. Letztendlich geht das Freiheitssymbol Hanomag in Flammen auf und rettet so die Situation.

Ein wunderschönes Buch über den inneren Zustand von Menschen, spröde und lyrisch zugleich…

Gerrit Helmke

Eckert: Hanomag

Bestellen

Robert Shea/Robert Anton Wilson: Illuminatus!

1. Das Auge in der Pyramide. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 14,90 DM.
2. Der goldene Apfel. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 14,90 DM.
3. Leviathan. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 14,90 DM.

Robert Anton Wilson: Die Illuminati-Papiere.

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 9,90 DM.

Robert Anton Wilson: Cosmic Trigger

Die letzten Geheimnisse der Illuminaten oder An den Grenzen des erweiterten Bewusstseins. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 12,90 DM

Die Inspektoren Goodman und Muldoon untersuchen den Bombenanschlag auf das linke Magazin »Confrontation« und das Verschwinden seines Herausgebers Joe Malik. Malik ließ gerade über den Geheimbund der Illuminaten recherchieren, und so ist es nur logisch, daß Goodman und Muldoon dieser heißen Spur folgen.

Binnen weniger Seiten entwickeln die Autoren aus einem Bombenanschlag, einer Staatskrise in Fernando Poo (???), einem geheimen B-Waffenprojekt bei Las Vegas und diversen Versatzstücken aus Geschichte und amerikanischer Alltagskultur eine faszinierende weltumspannende Verschwörungstheorie, die unsere Geschichte und unsere Gesellschaft in einem neuen Licht erscheinen läßt. Die Stärke dieses Rock ’n’ Roll-Thrillers (so die zweifelhafte Einordnung durch den Verlag) – halb Märchen, halb science-fiction-Roman – ist die ständige Veränderung der Perspektive. Nicht nur die erzählenden und die handelnden Personen wechseln ständig, auch sicher geglaubte Erkenntnisse über Zusammenhänge des Romans wie über Zusammenhänge des Weltgeschehens erfahren ständig neue Bewertungen. Obschon das nach letztendlich bedeutungslosem Subjektivismus klingt, gelingt es den Autoren, uns Lesern das gewohnheitsmäßige Festhalten an liebgewordenen »Wahrheiten«, die antrainierte Akzeptanz von »Gut« und »Böse« und die Freiheit des eigenen Denkens aufzuzeigen. Für alle, denen »Die Lehren des Don Juan« immer zu esoterisch waren, bringen diese Bücher eine erfrischende Grenzerfahrung im modernen Leben, wobei sie Carlos Castaneda an Substanz übertreffen. Für alle anderen sind sie Pflichtlektüre. Und wer den philosophischen Tiefgang ausloten möchte, greife zu den »Illuminati-Papieren«.

Stf

Shea/Wilson: Illuminatus!

Bestellen

John Irving: Witwe für ein Jahr.

Roman, Diogenes, geb., 761 Seiten, 49,90 DM

Eine Message an alle Kraft-Fahrenden: Schlage als Linksabbieger nie die Räder vorzeitig ein! Es könnte ein Auffahrer daherbrausen, der dich unverhofft auf die Gegenfahrbahn befördert, und das Schicksal nimmt seinen verhängnisvollen Lauf …

So auch im neuesten Opus aus Irvings Bestsellerwerkstatt. Die Folgen eines Autounfalls sind zu einem phantasiereichen Gespinst spannender Begebenheiten verknüpft. Die Akteure – Schriftsteller, ein erwartungsvoller Praktikant, Prostituierte, Polizisten, unglückliche Mütter und Journalistinnen – agieren auf Schauplätzen wie Long Island, Paris, auf der Frankfurter Buchmesse und in den legendären Rotlichtvierteln von Amsterdam. Und alles dreht sich um die Liebe, der man von Herzen ein Happy-End wünscht. Kann ein Leser mehr verlangen?

H. Nedo

Irving: Witwe

Bestellen

Taschenbuch für 24,90 DM bestellen
 
Diese Seite wurde zuletzt am überarbeitet.