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Hausmitteilung #16
Das Kundenmagazin der Connewitzer Verlagsbuchhandlung im Mai 2000
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Sehr geehrte Kundschaft, liebe Freunde, Leipzig war einstmals die Stadt der Bücher. Große Dichter und Gelehrte wirkten hier, der wichtigste Teil der deutschen Verlage hatte hier seinen Hauptsitz, und die hiesigen Buchdrucker, Schriftgießer und Buchbinder galten als die besten des Landes. Die Buchmessen waren die Höhepunkte jeder Saison, und es gab kaum eine Firma der Branche, die nicht wenigstens ein kleines Leipziger »Bureau« in der Nähe der maßgeblichen Verlagsauslieferungen und Grossisten unterhielt. Auch wird heute kaum jemand wissen, daß das schnelle Belieferungssystem, das Bücher praktisch über Nacht den Buchhändlern und deren Kunden verfügbar macht und das man außerhalb des deutschsprachigen Raumes bis heute vergeblich sucht in Leipzig seinen Ursprung hatte. Heute lebt die Buchstadt Leipzig in erster Linie von dieser großen Vergangenheit, an die anzuschließen schwerfällt, zumal heute neuere Medien und verändertes Nutzungsverhalten Buchhandel, Wirtschaft und die öffentliche Verwaltung zur Setzung anderer Schwerpunkte zwingen. Trotzdem oder gerade deshalb werden zwischen dem 19. und 21. Mai die deutschen Buchhändler und Verleger die Buchhändlertage 2000 in Leipzig begehen. Im Mittelpunkt wird natürlich auch hier die Tradition stehen, denn es ist am 30. April 175 Jahre her, daß der Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zu Leipzig gegründet wurde. Tradition hin, Buchstadt her Sonnenstrahlen und Bier am Freisitz haben inzwischen eine Zeit eingeleitet, die von regem Leben auf den Straßen (und ruhigerem im Geschäft) gezeichnet ist. So grüßt Sie vorsommerlich optimistisch Ihr Peter Hinke
Deutsche Buchhändler-Börse in der Ritterstraße am Nikolaikirchhof, im Jahre 1836. |
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Lesungen NachleseTradition haben auch Lesungen in unserem Hause. Rund 500 Gäste waren zu Gast bei den Abenden mit Robert Gernhardt (Foto rechts, sich seinen Weg durch das Publikum zum Lesesofa bahnend), Joachim Kersten & Bernd Rauschenbach, John von Düffel, Christoph Dieckmann und Sten Nadolny. Bestärkt durch diese Publikumserfolge werden wir sicher bald weitere Veranstaltungen ankündigen können und damit die 175. Lesung anpeilen. |
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Marcel Reich-RanickiDer Literaturpapst wird 80Kein zweiter Kritiker hierzulande hat so viel Einfluß auf den Literaturbetrieb wie Marcel Reich-Ranicki. Als Hauptperson des Literarischen Quartetts ist er beliebt und gefürchtet, denn seine meist eigenwilligen und sprachgewandten Kommentare entscheiden mit über Dichters Ruhm oder Fall, in allererster Linie jedoch über verkaufte oder nicht verkaufte Auflagen. So sitzen dann auch die Damen und Herren der Verlage gespannt und mit gespitztem Bleistift vor dem Bildschirm, um kein Wort des Meisters zu verpassen. Selbst aus dem Zusammenhang gerissene Halbsätze Reich-Ranickis werden schnell auf Werbewirksamkeit geprüft und über Nacht in Zeitungsanzeigen eingepaßt. Ein mitten im Weihnachtsgeschäft von ihm kurz und knapp mit »ein großes Buch« geadeltes Werk hat dann zumindest verkaufstechnisch den Durchbruch geschafft. Soviel Einfluß ist natürlich nicht ohne Gefahren, und auch der Neid normalsterblicher Literaturkenner bleibt nicht aus. Aber warum nicht, zumindest für die Zuschauer ist die Veranstaltung ein großer Spaß, und wenn ein Victor Klemperer oder ein Theodor Fontane der Nation auf diesem Wege nahegebracht werden können, sind die Methoden vielleicht nur recht und billig. Es wäre aber zu einfach, Marcel Reich-Ranicki auf das Literarische Quartett zu reduzieren. Sein Leben, welches ihn vom Polen der 20er Jahre ins Berlin der Nazizeit (von wo er 1940 als Jude ins Warschauer Getto deportiert wurde), nach dem Kriege als polnischer General-Konsul nach London und 1958 wieder zurück nach Deutschland führte, ist seit seiner Jugend eng mit der Literatur verbunden. In Deutschland arbeitete er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Als Literaturchef der FAZ baute er den Literaturteil der Zeitung zum umfangreichsten Rezensionsteil aller deutschsprachigen Zeitungen aus und förderte eine Reihe von Autoren. Seine 1974 begründete Frankfurter Anthologie ist mit 22 Bänden die erfolgreichste Lyriksammlung unserer Tage. 1989 gründete er das eingangs erwähnte Literarische Quartett, welches zur erfolgreichsten Buchsendung avancierte, die das deutsche Fernsehens je hatte. Unter dem Titel »Mein Leben« veröffentlichte er im vergangenen Herbst seine Autobiographie, mit der er seinen Kritikern zeigte, daß er nicht nur fremde Werke beurteilen kann, sondern auch selbst zu großer Literatur fähig ist. Es ist die Geschichte eines Jahrhundertzeugen, die so erzählt ist, daß sie als einer der wichtigen Beiträge zur Erinnerungsliteratur Bestand haben wird. Marcel Reich-Ranicki wird am 2. Juni 80 Jahre alt. Wünschen wir uns von ihm, der den Namen von Günter Grass so schön wie kein anderer aussprechen kann, noch viele Lobreden und Verrisse. Peter Hinke Zum Weiterlesen: |
Mit Ulrike Meinhof, Sylt 1967.
Mit dem 1948 geborenen Sohn Andrew. |
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